Souveräner Ritter- und Hospitalorden vom heiligen Johannes zu Jerusalem von Rhodos und von Malta

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Palmsonntag 2022

10/04/2022 


Im Namen des Vaters + des Sohnes + des Heiligen Geistes

Wer ist der Mann wirklich? Der, dem gerade die ganze Stadt zusieht? Ein durchgedrehter Tischler? Ein jüdischer Widerstandskämpfer? Der Freund der Menschen? Ein Lehrer der Weisheit? – Wird bis heute alles behauptet.

Was sehen die Leute? Eine weiche Gestalt mit langen Haaren? Und blondem Bart? (Echt jetzt??) Licht verstrahlend, mit einem Lächeln zwischen entrückt und sanft? Würden Sie mit diesem Mann, dessen Bild heute auf vielen Altären steht, auf ein Bier gehen? Wer ist der auf dem Eselchen? Der wahre König der Juden? Der Messias? Oder ist das: der Sohn Gottes?

Und Sie, die zusehen, wer sind Sie? Jüngerinnen und Jünger dieses Mannes? Oder sind Sie einfach Leute, die gerne auf die Straße gehen, mal gucken? Oder sind Sie kluge Leute, die sehen, was sich da anbahnt? Oder sind Sie bessere Leute, die mit der Straße nichts zu tun haben wollen? Wo wären Sie gewesen an jenem Tag in Jerusalem? Viele Fragen. So ist das im Leben.

Bleiben wir bei dem, was wir sicher annehmen können. Zum Beispiel dies: Jesus stellt sich. Vielleicht ist das ein möglicher Zugang, eine erste Annäherung an diese ganze Woche und diesen geheimnisvollen Mann.

„Er zog nach Jerusalem hinauf“, so oder ähnlich heißt es immer wieder in den Evangelien. Lange Zeit dachte ich mir dabei gar nichts. Bis mir (so spät erst!) aufging, was das bedeutet. „Er zog nach Jerusalem hinauf“, das bedeutet: Jesus weiß, dass er dort sterben wird.

Er weiß, dass er seine Heimat nie mehr wiedersehen wird, nie mehr die Berge und Hügel, nie mehr den weiten See, nie mehr die Verwandten und Freunde. Palmsonntag heißt: Jesus stellt sich dem, was jetzt kommt.

So wie die Frauen mit den Kindern an der Hand, die ihr Land verlassen; wie die Männer, die zurückbleiben müssen; wie die alte Frau, die ins AKH fährt; so wie der Schüler, der zur Prüfung geht, wie der junge Mann, der sich endlich auf die Tanzfläche traut, wie die Frau, die zum Zahnarzt geht und der Mensch, der versteht, dass er alt wird. Gleich ob im Kleinen oder im Großen: Wir müssen uns stellen. – Menschen können einem schrecklich auf die Nerven gehen, man kann sie leicht verachten, aber Menschen können einem auch das Herz brechen, einfach weil sie so tapfer sind. Weil sie sich stellen. Wer sich stellt, ist erwachsen.

Noch ein Zweites, das wir sicher annehmen können: Die in den Straßen wissen gar nichts, die Freunde nicht, die Feinde nicht. Jesus weiß alles. Und was bedeutet das? Einsamkeit. Alles um Jesus herum ist falsch. Der Jubel ist falsch, die Feindschaft ist falsch. Falsche Voraussetzungen, falsche Urteile. Jesus weiß das. Und er ist ohne Schuld. Er ist himmelschreiend einsam.

Jesus Christus ist der Sohn Gottes. Das ist die Überzeugung meines Lebens. Ihre auch? – Wenn Sie nicht glauben, dass er „war wie Gott, aber nicht daran festhielt wie Gott zu sein“ (Paulus sagt es so), wenn Sie das nicht glauben, dann ist der Palmsonntag für Sie eine Anekdote, die Erzählung von einem großen Missverständnis. Eine Panne. Die Jünger haben ihn noch immer nicht verstanden, die Pharisäer sind verbohrt, die Römer ahnungslos, und die Menge ist, was sie immer ist: wankendes Gesindel. Jesus ist König. Aber nicht so wie die anderen Könige. Er ist der Messias, aber anders als sie ihn sich vorstellen. Er ist der Sohn Gottes. Aber noch nicht zu erkennen. Ihm gebührt Jubel, ja, aber nicht so. Die Kinder rufen die Wahrheit, aber sie verstehen sie nicht.

Jesus wird missverstanden, nicht verstanden, verleumdet, egal. Er ist er selbst und stellt sich. Das Kreuz ist schon präsent; es ist nur noch nicht zu sehen. Er stellt sich. Weil er treu ist, dem Vater und sich selbst.

„Darum hat ihn Gott über alle erhöht.“

Erst das Leiden bewirkt den wahren Triumph. Der Palmsonntag ist allenfalls ein Omen, eine Vorhersage des Sieges, der kommen soll.

Und da geht uns auf, dass die Triumphe, die wir hier feiern – Besitz, Wissen, Ansehen, Ehrungen, Eroberungen und so weiter –, das alles das auch nicht mehr ist. Nicht mehr als Missverständnisse oder Vorahnungen. Deshalb können wir heute umwerten: beginnen mit dem Glauben, beginnen mit Christus. Mit dem Kreuz anfangen. Der wahre Triumph kommt dann.

Alles andere hier ist nur eine Etappe. Die Lichter hier werden verlöschen.

Und dann wird es hell werden.

Zum mündlichen Vortrag bestimmt, verzichtet dieser Text auf Quellenangaben. Jede Vervielfältigung und Veröffentlichung bedarf der ausdrücklichen Zustimmung des Autors.

Die Predigt zum Download finden Sie hier!

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