Karfreitag 2026
Karfreitag 2026 Im Namen des Vaters + des Sohnes + des Heiligen Geistes Letzte Worte, ein Schrei und dann Stille. Die Stille ist das Erste, das vom Kreuz herabsteigt. Sie breitet sich aus über den ganzen Hügel. Die Leute gehen heim. Es wird Abend. Sie nehmen Ihn vom Kreuz herunter. Keiner spricht ein Wort. Für viele ist Stille bloß leer, und vor der Leere haben die Leute panische Angst. Deswegen wird die Leere zudekoriert. Die Leute halten die Stille nicht aus und reden sich ein, in der Stille gehe nichts voran. In den Häusern der Alten, die keiner besucht, rennt der Fernseher den ganzen Tag; Schulkinder haben schon vor acht Uhr morgens 200 Nachrichten auf dem Handy. Haben alle Angst vor der Stille? Ich denke mir, dass der Papst sehr oft ganz still ist; dass er leben kann, ohne ständig was zu posten. Von der Kraft der Stille, von ihrer Macht weiß kaum einer. Kaum jemand weiß, dass die Stille reinigt und läutert. Dass die Tränen nie aus dem Lärm kommen. Warum haben Sie Angst vor der Stille und auch vor den Tränen? Ich träume von einer stillen Messe: von Worten, die Stille machen. Der Karfreitag beginnt mit einem Unrecht, geht dann hindurch durch das Leiden und endet in der Stille. Ahnen Sie, dass Leiden mehr sein kann als eine dumme Quälerei? Gehören Sie immer noch zu denen, die meinen, Ihre Toten seien fort, könnten nichts mehr und Jesus sei nur eine alte Geschichte auf altem Papier? Stille heißt nicht: Es geschieht nichts. Tod heißt nicht: Da kommt nichts mehr. Kann es nicht sein, dass das wirklich Wichtige in der Stille geschieht? Kann es nicht sein, dass die Toten manchmal machtvoller sind als die Lebenden? Der tote Jesus ist mächtig, jetzt schon, jetzt, „um die neunte Stunde“. Jesus am Kreuz ist in Wahrheit mächtiger als Pilatus und der Kaiser in Rom und mächtiger als die Priester und die Reichen und die Gescheiten und das johlende Geschmeiß. „Wenn ich erhöht bin, werde ich alle an mich ziehen.“ Alle. Das ist Macht. „Wenn ich erhöht bin, werde ich alle an mich ziehen.“ Plappernd? Predigend? Tadelnd? Redet die Schwerkraft, schwätzt das Weltall? Die Macht Jesu ist still. Die unzähligen Stunden der Kirchengeschichte, in denen Gläubige beim Kreuz standen, sie haben einen Schatz an Wissen und Verstehen angesammelt, den es so nur in der Kirche gibt. Wir hier wissen mehr als Johannes und Josef von Arimathäa und der Hauptmann Longinus damals an jenem Abend gewusst haben. Wir mehr wissen als die, die unter die Duschen im KZ geschoben wurden. Das Wissen all der Menschen vor uns geht in unserer Seelenstille nicht verloren; es wird gesammelt Tag und Tag. Das ist die Gemeinschaft der Heiligen, das ist die Kirche. Wir Christen wissen, dass der Tod nicht ein leeres Blatt Papier in der Lade ist. Wir feiern den Karfreitag wie so viele vor uns und wissen mit ihnen, dass das Leiden mehr ist als Schmerz, mehr als nur Plage. Wir wissen, dass die demente Frau im Altenheim mehr ist als eine demente Frau. Sie ist ein Gefäß aus Geschichte, Hoffnungen, Empfindungen, auch aus Wissen, von dem wir keine Ahnung haben. Sie ist ein geliebtes Kind Gottes, eine Schwester des Gekreuzigten. Wir wissen, dass nicht alles aus ist mit dem sogenannten letzten Atemzug. Wir wissen: Dieser Tod ist machtvoll. Die Menschheit weiß es nicht, aber die Gläubigen wissen es. Die Menschheit ist empört und geschäftig, sie merkt das Absterben des Herzens gar nicht. Wenn aber einmal das künstliche Licht ausgeht, wenn die große Stadt in Finsternis liegt und der Lärm mit einer furchtbaren Plötzlichkeit abbricht: was dann? Dann wird jeder auf sich selbst verwiesen sein. Dann wird jeder sein so lange übergangenes Herz befragen müssen: „Lebst du noch? Hast du die Verheißung bewahrt, die dich schützt vor der Nacht?“ Die Stunde kommt, wo Werk und Pflicht zerfallen. Was wird dann noch sein? Der große Schmerz, die große Stille, die Einsamkeit und die Geduld, das Warten und Lauschen. Die Liebe. Was wird dann kommen? Das Reich Gottes. Sie werden immer sein, was Sie sind und waren, ohne es wirklich zu wissen: Bürger jenes anderen, fremden Reiches, der hier auf der Erde nur sein Tagwerk vollbringen soll, aber bestimmt ist für das Anderswo. „Wenn ich erhöht bin, werde ich alle an mich ziehen.“ Alle. Das ist Macht. Alle gemeinsam. Die Menschheit zerspaltet sich in kleiner Streiterei, sie scheint zu zerbrechen. Die Macht des Kreuzes bewirkt die Einheit. Einheit der Kirchen, Einheit der Gesellschaft kann nur werden, wenn wir wieder lernen, aus welchem Leiden wir geboren wurden und zu welcher Herrlichkeit wir berufen sind. Wir Christen sind in der Taufe geboren aus einem Leiden, das unser Begreifen übersteigt. In der Taufe auf den Tod Christi sind wir berufen zu einer schier unglaublichen Herrlichkeit. Zu der Herrlichkeit, mit der Gott am Ostermorgen Jesus verherrlicht hat und mit der Er uns alle krönen will eines Tages. Zum mündlichen Vortrag bestimmt, verzichtet dieser Text auf Quellenangaben. Jede Vervielfältigung und Veröffentlichung bedarf der ausdrücklichen Zustimmung des Autors. Die Predigt zum Download finden Sie hier!Die Predigt zum Anhören
Predigt in Lengfurt am 03. April 2026
