Souveräner Ritter- und Hospitalorden vom heiligen Johannes zu Jerusalem von Rhodos und von Malta

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32. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B), 7. November 2021

07/11/2021 


Die Predigt zum Anhören

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Im Namen des Vaters + des Sohnes + des Heiligen Geistes

Wissen Sie, wie viele Bilder von Essen 2020 ins Netz gestellt wurden? Ich habe keine Ahnung. Ich weiß auch nicht, warum Menschen das tun, den Teller vor sich fotografieren und das Bild posten. Unzählige Mahlzeiten, unzählige Bilder, unzählige Menschen gegen: ein einziges Mal. „Und wie dem Menschen bestimmt ist, ein einziges Mal zu sterben (!), und dann das Gericht folgt, so wurde auch Christus ein einziges Mal geopfert, um die Sünden vieler hinweg zu nehmen.“

Dass es etwas nur ein einziges Mal geben soll, ist für viele fast unvorstellbar. Die Leute glauben an Kopien, Klone, Wiedergänger, an immer neue Möglichkeiten und unzählige Chancen. Die meisten meinen, alles sei wiederholbar, vielfältig, häufig. Obwohl ein genauer Blick aufs Leben ihnen zeigen müsste, dass es anders ist. Diese Predigt hier hat nur eine einzige Chance. Den ersten Eindruck auf andere, den, der entscheidet, können Sie nur ein einziges Mal machen. Jeden von Ihnen gibt es nur einziges Mal. Sie werden sich niemals wiederholen.

„Ein einziges Mal“ ist den Leuten aber genauso fremd wie das Opfer und die Sünde. Und vom Tod wollen sie sowieso nichts hören. Was die Lesung aus dem Hebräerbrief erzählt, interessiert also keinen. Die Kirche erzählt Zeug, das keinen interessiert. Wo liegt der Fehler?

Was interessiert die Leute? Das, was im Hintergrund abläuft. Oder im Untergrund. Sie glauben an geheime Machenschaften. Nichts Gutes. Böse Verschwörungen böser Leute. Wir leben in einer Zeit des Verdachts.

Das hat nur ein Gutes: den Sinn dafür, dass das, was wir sehen, nicht alles ist.

Es gibt das, was wir sehen. Und das andere. – Was sehen Sie? Szenen. Ereignisse, die man nacherzählen kann; die man verfilmen könnte. Einer kommt an ein Stadttor und trifft dort eine Frau. Die beiden sprechen mit einander. Sie erzählt ihm gleich, dass sie sterben wird, er will was zu essen. Eine bizarre, seltsam unzivilisierte Situation. Doch sehr schnell beginnt alles zu gleiten, und es öffnen sich hinter der Szene am Stadttor, hinter dem, was wir sehen können Nöte, Hoffnungen, Versprechen, kühnes Wagen und ein Wunder. Da ist mehr als wir sehen.

Wir sind jetzt in der Welt der Ideen und Entscheidungen. In den „unsichtbaren Dingen“, von denen das Credo spricht. Einer Frau, die nichts hat, wird zugemutet, andere zu beschenken. Die Witwen zählten damals zu den Ärmsten. Ausgerechnet ein Arme wird aufgefordert, anderen zu helfen. Und sie tut es. Ohne Fragen zu stellen. Keine Bedingungen. Einfach tun.

Was wir sehen: ein Stadttor, zwei Menschen. Wir sehen ihren Stand und ihre Not. Wir hören ihre Worte. Aber Sie spüren es selbst: Dahinter ist noch eine andere Welt. Die andere Wirklichkeit. Hinter dem, was wir sehen und hören, sind nicht nur böse Machenschaften. Eine Melodie lässt uns eintreten in eine Landschaft, ein Buch führt uns in eine versunkene Welt, unsere Erinnerungen fügen sich zu seltsamen schönen Bildern. Nichts davon ist böse, nichts eine geheime Verschwörung. Es ist einfach nur mehr. Mehr als wir sehen. Hinter unseren Sinnen liegt die Welt des Geistes, und hinter dieser liegt die Welt Gottes.

Jetzt, wo Sie das neu verstanden haben, können Sie weitergehen. Ein bisschen wie jene Frau. Sie glaubt, was der Prophet sagt. Schon das ist ein Sprung. Über den Propheten hinaus. Sie wagt etwas. Eigentlich wagt sie alles. Sie gibt das Letzte, das sie hat – und gewinnt. Wenn Sie nichts riskieren, bleibt Ihre Welt klein. Dann ist darin nur Platz für Ihren Salon und ein paar alte Freunde.

Wenn Sie es aber wagen, mehr zu sehen, weiter, tiefer, dann besteht die Chance, dass Ihnen die Welt Gottes aufgeht. Jesus zeigt genau diesen Weg, immer wieder. Er beginnt bei dem Samenkorn, das in seiner Hand liegt; er geht weiter, hindurch durch die Worte eines Gleichnisses und ist schließlich im Reich Gottes, zusammen mit allen, die ihm wirklich zuhören.

Jetzt haben Sie begonnen zu verstehen, was es mit dem „einzigen Mal“ auf sich hat, auf dem der Hebräerbrief so insistiert: Ein Einziger hat diese Welt gerettet. In einer einzigen Tat. Wir sehen und erleben unzählige Entscheidungen, unsere, die der anderen…, aber was wirklich zählt, ist die allein die Entscheidung Christi. Sein Wagnis. Das uns gerettet hat. – Gerettet wovor? Vor der Sünde, die nimmt. Die immer nur nimmt und nie gibt. Habsucht, Neid, Gier, Hochmut, Lüge: Immer geht es um den Menschen, der sich nimmt. Eine Welt aber, in der alle nur nehmen, geht unter. Unfehlbar. Wenn nicht einer sie rettet. Ein Einziger hat gegeben, rein und selbstlos, in einem einzigen Moment. Jesus gab sich selbst. Und so geschah die Vergebung und der Sünde wurde die Grenze gezogen. Die Sünde gibt es noch, aber sie scheitert immer wieder an diesem einzigen Moment.

Der Sünde, der Kälte, dem Nein, dem Ego wurde die endgültige Grenze gezogen, als Jesus sprach, in jener Nacht, ein einziges Mal: „Nehmt und trinkt alle daraus. Das ist mein Blut, das vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“ Wir sehen Brot und Wein. Aber was da wirklich ist, hebt auf, was wir sehen und hören. Da ist mehr.

Ein einziger Tod, ein einziges Kreuz, eine einzige Messe, eine einzige Gabe und eine einzige, universale Vergebung: Das ist die wirkliche Wirklichkeit.

Zum mündlichen Vortrag bestimmt, verzichtet dieser Text auf Quellenangaben. Jede Vervielfältigung und Veröffentlichung bedarf der ausdrücklichen Zustimmung des Autors.

Die Predigt zum Download finden Sie hier!

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