Souveräner Ritter- und Hospitalorden vom heiligen Johannes zu Jerusalem von Rhodos und von Malta

Nachrichten

6. Sonntag der Osterzeit (A), 17. Mai 2020

17/05/2020 


Im Namen des Vaters + des Sohnes + des Heiligen Geistes

Ich bin gescheitert.

Die ersten Christen. Von denen wissen die meisten Leute nur: Sie breiteten sich aus, und dann kamen die Löwen. Mission und Märtyrer. Die, die sich ein wenig besser auskennen, wissen noch: Die ersten Christen hatten alles gemeinsam; sie waren „irgendwie Kommunisten“. Die nächste Etappe im Bescheidwissen ist: Am Anfang gab es Schwierigkeiten mit den Juden. Warum? Nun, die ersten Christen waren… Juden. Die Apostel, die Frauen, die Jesus folgten: alles Juden. Für Juden ist das Gesetz wichtig. Treue, Absonderung von den anderen Völkern, nicht Ausbreitung. Aber da kommen plötzlich Heiden und wollen mitmachen bei diesen Juden-Christen. Dürfen die das? Müssen diese Griechen, Römer, Perser… sich an das jüdische Gesetz halten? Können nur Juden an Christus glauben? Die Diskussionen waren schwierig. So ist es immer, wenn es um Gott geht, um Tradition und Gewissen.

Wie diese Debatten ausgingen, sehen Sie hier in dieser Kirche: Wir sind keine Juden mehr. Wir kommen von den Juden her, aber wir halten uns nicht mehr an das jüdische Gesetz. Dass Österreich, diese Gegend um Mailberg missioniert wurde, haben die ersten Christen entschieden.

Das also ist die Welt, aus der die Lesungen und auch das Evangelium kommen. Doch da ist noch mehr als Diskussionen, Verkündigung, Ausbreitung. Da ist Etwas, das alltäglich ist, das verdrängt wird, und das doch jeder Mensch erlebt: das Scheitern. Die Apostel scheitern. Petrus ist auch eine gescheiterte Existenz. Die Frauen, die Jesus folgten, scheitern (Magdalena). Auch Maria: Sie alle scheitern. An Jesus scheitert jeder. Nicht in Summe, aber immer und immer wieder. Und das Scheitern macht ja etwas mit einem Menschen…

„Philippus kam in die Hauptstadt Samariens und predigte ihnen von Christus.“ Die ersten Christen mussten Jerusalem verlassen. Abhauen. Denn sie wurden dort verfolgt; sie waren nicht willkommen. Das ist Scheitern, oder? Deswegen geht Philippus nach Samarien. Aber aus dem Scheitern in Jerusalem wird ein Segen anderswo: „So herrschte große Freude in jener Stadt.“

Dann ist da die Rede von Besessenen, Lahmen, Krüppeln… also von Menschen, denen das Leben in die Fresse gehauen hat, pardon. Menschen, die am Leben gescheitert sind. Jedenfalls sieht es für die Sieger-Typen so aus. In deren Augen ist gescheitert, wer Hilfe braucht.

In der zweiten Lesung ist die Rede von Christen, die beschimpft und verleumdet werden. Wenn so etwas geschieht, steht keiner als Sieger da, sondern erst einmal als Gescheiterter.

Und es ist die Rede von der Notwendigkeit des Heiligen Geistes. Wozu? Weil ohne ihn aus dem Scheitern nichts entsteht, in einer Welt, die den Heiligen Geist „nicht sieht und nicht kennt“. Ohne den Heiligen Geist bleibt das Scheitern steril, nur eine peinliche Plage.

Es gibt Menschen, die nie gescheitert sind. Wenn sie im Fußball verlieren, ist der Schiedsrichter schuld. Wenn sie kein teures Auto fahren, dann natürlich nur, weil sie sich daraus nichts machen. Wenn ihnen der Mann wegläuft, dann nur weil er nichts kapiert hat. – Ich weiß, wie gut es tut, Erfolg zu haben. Wie sehr Erfolg einen Menschen verändern kann zum Guten. Wie wichtig Selbstbewusstsein ist. Ich weiß aber auch, wie es ist zu scheitern. Und ich verstehe: Der Mensch braucht Erfolg und Scheitern. Vor allem verstehe ich: Scheitern ist nicht gleich Schande. Und Dankbarkeit keine peinliche Pflicht. Wenn du irgendwo gescheitert bist und die anderen helfen dir, dann ist die Dankbarkeit herzwärmendes Glück.

Eltern scheitern, Unternehmer scheitern, die Kirche scheitert. Wie soll man in 15, 20 Jahren, in den man Kinder großzieht, nicht einen Fehler machen, nicht einmal scheitern? Wie in 2000 Jahren Kirchen-Geschichte unschuldig bleiben?

Alle scheitern. Die, die es zugeben und die, die es leugnen.

Es gibt mehrere Arten, mit dem Scheitern umzugehen. Man kann sich tot saufen. Man kann behaupten, aus dem Scheitern gelernt zu haben. Und das stimmt ja auch oft. Man kann die, die gescheitert sind, mit mehr Verständnis und Nachsicht sehen, wenn man ihre Erfahrung auch selbst gemacht hat.

Aber irgendwie ist mir das zu schlau.

Ich will es von Jesus her verstehen. Er ist gescheitert. Als er dort oben hing, war er in den Augen aller gescheitert. Manchen tat er leid, manchen nicht.

Was sollte er am Kreuz noch lernen? Das Kreuz ist kein Therapie-Workshop mit Stuhlkreis.

Die Armen und Gescheiterten hat er immer schon verstanden und geliebt; das musste er nicht erst durch das eigene Scheitern lernen.

An Jesus sehe ich: Scheitern ist einsam. Da helfen keine Weisheiten mehr, kein Rat, keine Caritas.

Wenn ich auf Christus schaue, ahne ich: Das Scheitern, dieses ganz unten Ankommen scheint irgendwie zusammenzuhängen, mit dem, was dann kommt: mit dem Glanz der Auferstehung. Hilflosigkeit, Sehnsucht, Dankbarkeit, Glaube, Hoffnung, Auferstehung… alles das bekommt seine wahre Dimension vielleicht erst im Scheitern.

Wer so scheitert, der hat nur noch eine Chance: dass ihn einer auffängt. „Es ist der Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt.“ Der Heilige Geist fängt uns auf. Er verbindet uns mit Christus.

Die meisten sagen: Um einen Menschen zu lieben, muss man ihn doch sehen, wenigstens hin und wieder. Nein. Man kann sehr wohl lieben, ohne zu sehen, ohne zu hören. Man kann auch einen lieben, der in dieser Welt gestorben ist.

Wir sehen Jesus nicht. Wir kennen ihn nicht, noch längst nicht… Und doch ist er da. In mir, in Ihnen. Und er verbindet uns untereinander. Christus, das ist keine sichtbare Gegenwart, keine moralische Theorie, aber ganz sicher eine echte Beziehung.

*

Wenn Sie auf keinen Fall scheitern wollen: Wählen Sie sich ein einziges Ziel. Wer nur die Höhe des Gehalts als Maßstab nimmt, der wird es mit etwas Glück schaffen. Er wird seine Kohle haben, nicht scheitern.

Wer aber auch noch eine gute Ehefrau sein will oder ein guter Vater oder ein guter Christ, der wird die Erfahrung des Scheiterns machen. Das ist kein Masochismus; das ist nur realistisch. Beinahe schon heiter. Das Scheitern muss nicht bitter machen, es kann auch leicht machen.

Wenn es Ihnen nichts ausmacht zu scheitern, wenn Sie sogar erkannt haben, dass Sie scheitern müssen, immer wieder, um wirklich erwachsen zu werden, ein Christ, dann wählen Sie sich viele hohe Ziele. Sie werden scheitern. Vor sich selbst, vor den Leuten, vor Gott. Ja, und? Glauben Sie, Christus schert das? Nein, Er trägt Sie.

Zum mündlichen Vortrag bestimmt, verzichtet dieser Text auf Quellenangaben. Jede Vervielfältigung und Veröffentlichung bedarf der ausdrücklichen Zustimmung des Autors.

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