23. Sonntag im Jahreskreis 2026
23. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A, Ez 33,7-9 u. Mt 18,15-20) Im Namen des Vaters + des Sohnes + des Heiligen Geistes Natürlich gibt es Kleingarten-Sheriffs und Nachtwächter; vielleicht gibt es auch bald wieder Blockwarte, yeah! Aber damit ist nichts gesagt gegen die Wächter im Allgemeinen. „Abusus non tollit usum.“ Ein schöner alter Rechtsgrundsatz: Der Missbrauch ist kein Argument gegen den guten Brauch. Wenn i c h „Wächter“ höre, muss ich an den 5. Oktober 1789 denken, als sich 6000 Marktfrauen, ein paar brave Bürger und allerhand Gesindel nach Versailles aufmachten, um dort zu demonstrieren. Eine Demo mit Piken und Messern, Sie verstehen. Es kam, wie es bei so etwas immer kommt: Das Gesindel übernimmt. Sie wollen die Königin massakrieren. Zwei Wächter verweigern den Zutritt zu den Räumen: M. de Varicourt und M. de Huttes[1]. Man schneidet ihnen die Köpfe ab. Die beiden Wächter retteten der Königin das Leben. Vorläufig. – Oder ich denke an Mexiko. Am 8. März d. J. haben dort radikale Feministinnen katholische Kirchen angegriffen, wollten sie stürmen und in Brand setzen (interessanterweise stürmt das Pack nie die Pfarrhäuser, sondern die Gotteshäuser). Aufgehalten wurden sie von Katholikinnen, die einander an den Händen hielten und einen Kreis um ihre Kirche bildeten. Wächterinnen. „Ich habe dich dem Haus Israel als Wächter gegeben.“ So hieß es eben beim Propheten Ezechiel. Dass es Wächter gibt, bedeutet: Es gibt etwas zu bewachen. Weil es kostbar ist. Es gibt etwas zu schützen. Es gibt gut und ungut, kostbar und billig, es gibt richtig und es gibt falsch, weil wir Menschen frei erschaffen wurden und uns zu entscheiden haben. Es gibt Verantwortung für andere; es muss eben nicht jeder selbst sehen, wo er bleibt. Es braucht auch nicht endlich einen starken Mann, damit es wieder vorwärts geht. Auch keine starke Frau. Ich möchte keine Kanzlerin, deren Leute mich eines Tages in ein Lager stecken, weil ich nicht „deutsch“ genug bin. Ich war nie „deutsch“. Ich war immer bayerisch und katholisch. Es braucht keinen Führer, aber ganz bestimmt braucht es Wächter. Oder wie die Bibel es auch sagt: Hirten. Es braucht Beschützer. Zum Beispiel Beschützer der Kinder. Eltern, Pfarrgemeinderät*innen, die die Kinder gegen die Schweinepriester beschützen. Die also nicht nur flüstern und munkeln, sondern etwas tun. Warum gelang das so oft nicht in der Vergangenheit? Beim Propheten geht es tatsächlich um den Umgang mit der Schuld und dem Schuldigen. Eine Frage auf Leben und Tod, sagt der Prophet und gibt hier all denen eine Ohrfeige, die sagen: Mir doch egal. – Wie wäre mein Leben gegangen, wenn ich in der Kirche Wächter und Wächterinnen gefunden hätte, die das richtige Wort hatten oder die richtige Frage, um mich vor meinen Sünden zu warnen? Das ist das elendeste Übel in der Kirche: dass viele über dich reden, aber keiner mit dir. Keiner fragt, keiner hört zu, keiner sagt das richtige Wort. Ich weiß, wie schwer das ist, ich weiß auch, wie oft ich selbst geschwiegen habe aus Feigheit und Faulheit, aber ich weiß eben auch: Eine Kirche, die zusieht und schweigt, anstatt den richtigen Moment zu suchen, um zu wachen und zu reden, eine Kirche, die stundenlang über Verwaltungsdinge diskutieren kann, aber keine Minute über das Heil einer einzigen Seele, eine solche Kirche braucht kein Mensch. Es wird im Kirchenapparat von heute nicht gefragt, nicht gehört, nicht geraten, nicht gewacht, nicht gedankt und nicht gelobt. Es wird nur getratscht. Hintenrum. Wächter sein also. Eine gute Hirtin sein. Das ist ein Handwerk, das sich lernt. – Die Kirche ist und war nie eine Gemeinschaft der Vollkommenen. Da gab es von Anfang an Lügner, Verräter, Halbnarren und Vollpfosten und sogar richtige Verbrecher. Es gibt also Handlungsbedarf. Weil sonst die Gemeinschaft der Kirche kaputtgeht. Wem an der Gemeinschaft liegt, der muss wachen, der muss sehen und reden, der muss was tun. Jeder, der Kinder hat weiß das. Es reicht nicht, die Kinder mit dem Smartphone aufs Sofa zu setzen und zu denken: Wird schon werden. „Wenn dein Bruder gesündigt hat, dann weise ihn unter vier Augen zurecht.“ So im Evangelium. M. a. W. tu was, aber sei diskret. Stelle ihn nicht bloß vor anderen. Jeder Abteilungsleiter soll sich gut überlegen, ob er einen Mitarbeiter vor allen anderen zur Sau macht, oder ob nicht lieber nach dem Meeting in Ruhe mit dem Mann redet. – Inbegriff der guten Manieren: den anderen nicht bloßstellen. „Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei mit dir…“ Zeugen also. Ein Dritter kann nämlich helfen, dass man sich selbst nicht verrennt. Er kann objektivieren. – Das Evangelium gibt hier Hilfe, Regeln. Ich halte Regeln zuerst einmal für eine gute Sache. Erst im zweiten Schritt überlege ich vielleicht: Muss das sein, ginge es nicht auch anders? Also: den richtigen Moment erkennen, / das richtige Wort finden; / Illusionen ausräumen, statt in sie hineinzuführen. / Nicht richten[2], sondern beim anderen das gesunde Urteil fördern. / Dem anderen raten, ihn warnen, aber ihn dabei immer frei lassen. Wissen: Es geht um seinen Weg – und der kann ganz anders sein, als i c h mir das wünsche. Dem Wächter geht es nicht um sich selbst, sondern um die Gemeinschaft und das Gute. / Um das auseinanderhalten zu können, muss er sich selbst läutern, lebenslang. Er muss wissen: Ich bin nicht die Stimme Gottes, ich bin nur ein Bruder, der rät. Und der selbst Rat braucht. / Der Wächter darf den anderen nicht abhängig von sich machen, er darf keine Fans sammeln. „Nur einer ist euer Meister: Christus.“ Trauen Sie also nur Leuten, die auch alleine bleiben können und nicht ständig Beifall brauchen. Die Ihnen aber wirklich nahe sein können. Denn dies gilt immer: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ [1] François Rough de Varicourt (* 1760) und Jean-François Pagès de Huttes (* 1753). [2] Siehe 1 Kor 4,5 – „Richtet also nicht vor der Zeit, wartet, bis der Herr kommt.“ FÜRBITTEN Immer wieder verführt uns die Angst dazu, vor Gottes Anspruch zurückzuweichen. Aber nur Tapferkeit macht frei. „Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner.“ – Wir beten für die, welche die Kirche verlassen haben. Herr, hilf uns, Verantwortung zu übernehmen. Für andere, für unsere Kinder, für uns selbst. Einmütiges Gebet bildet Gemeinschaft. – Geist Christi, hilf uns, wirklich zusammen mit anderen beten zu können. „Bleibt niemand etwas schuldig, außer die Liebe.“ Wir können nie genug lieben. Jesus, hilf uns, mit unserer schwachen Liebe zu leben und heile sie, wann immer es dir gefällt. Viele in der Kirche brennen vor religiösem Eifer, aber können die Dinge nicht klug beurteilen. Andere stecken in Passivität und Gleichgültigkeit. Papst Leo sagte diese Woche: „Wir können unmöglich teilnahmslose Beobachter sein, vielmehr müssen wir mit dem Herzen zuhören, uns anfragen und uns involvieren lassen.“ Wir beten für die Regierung dieses Landes. Wir beten für die Wählerinnen und Wähler. Hilf, dass alle Christen mitbauen an einer menschenwürdigen Welt. Herr Jesus, gib unseren Toten nach allem Kampf die ewige Ruhe beim himmlischen Vater. Zum mündlichen Vortrag bestimmt, verzichtet dieser Text auf Quellenangaben. Jede Vervielfältigung und Veröffentlichung bedarf der ausdrücklichen Zustimmung des Autors. Die Predigt zum Download finden Sie hier!Die Predigt zum Anhören
Predigt in Oberndorf am 06. September 2026
Heiliger Geist, wir bitten dich um die Gabe der Tapferkeit.
Heiliger Geist, mache uns zu guten Wächterinnen und Wächtern dieser Zeit.
