Donnerstag der 29. Woche im Jahreskreis 2026
Donnerstag der 29. Woche im Jahreskreis 2026 Im Namen des Vaters + des Sohnes + des Heiligen Geistes „Gnade! Gnade!“, winselte der Besiegte. – „Keine Gnade für Pferdediebe!“, presste der Sheriff hinter schmalen Lippen hervor. Sein eckiges Kinn glänzte in der Abendsonne. Sagt Ihnen das was, „Gnade“? In Gottesdiensten ist noch ziemlich oft die Rede von der Gnade, aber beinahe immer scheint mir, die Geistlichen sind da ebenso ratlos wie die Christen in den Bänken, warum, weiß der Himmel. Wenn ich in der Kirche etwas nicht verstehe, fange ich zu studieren, Bücher zu lesen. Die meisten in Keilschrift auf altem Pergament. Spaß. Bei vielen Geistlichen habe ich den Eindruck, das letzte seriöse Buch haben sie zugemacht am Tag nach der Diplomprüfung und sie sind auch noch stolz darauf. Wer nicht studiert, ist „nahe bei den Menschen“, so geht der Mythos. Dass die meisten Christen zum dem, was das Wort „Gnade“ bezeichnet, keinen Zugang haben, ist nicht hinzunehmen. Warum? Weil so der Bezug zum Inneren verloren geht; weil Innerlichkeit so zu einer Frage der Sentimentalität wird; weil man so der Esoterik mit ihrer Pseudo-Tiefe das Feld überlässt; weil so Spiritualität zu einer Frage der Moral verschnurrt, zu einer Frage des Tuns und Lassens. Dabei geht es in der Spiritualität, im „geistlichen Leben“ um die innere Wirklichkeit, das innerliche Geschehen. Sie haben eine innere Wirklichkeit! Was Gnade ist, erklärt die Lesung dieses Abends. Da heißt es: „dass ihr in eurem Inneren an Kraft und Stärke zunehmt“. Auch wie das gehen soll, steht ausdrücklich da: „durch seinen Geist“. Durch den Heiligen Geist. – Das bedeutet für Sie schon einmal: nicht durch Ihre eigene Anstrengung. Wenn der Glaube vor allem zu einer Frage der Anstrengung wird, ist es kein Wunder, dass so wenige glauben wollen. „Kraft und Stärke“ werden uns gegeben. Das Einzige, was Sie dazu tun müssen: Einwilligen, Mittun. Glaube bedeutet zuerst einmal einwilligen, mittun mit dem Heiligen Geist. Sich tragen lassen. Wir klingt das für die, die beinahe nicht mehr können? Sich tragen lassen vom Heiligen Geist (…). „So werdet ihr mehr und mehr von der ganzen Fülle Gottes erfüllt.“ Und wozu das? Wer von der Fülle Gottes erfüllt wird, der wird Gott ähnlich. Wir werden keine Götter, aber in den Grenzen unserer menschlichen Natur werden wir Gott ähnlich. Und wozu das wiederum? Damit Ihr Leben an sein wahres Ziel kommt. Was ist das wahre Ziel unseres Lebens, was ist die Erfüllung? Die Gemeinschaft mit Gott, dem Vater. Noch eine Frage. Wann und wo beginnt das alles, wo verläuft der Weg? Antwort: über die Sakramente. Da ist zuerst die Taufe; dann kommen die Sakramente, welche die Kraft der Taufe regenerieren – das Sakrament der Buße, die Beichte – oder die Kraft der Taufe intensivieren: das Sakrament der Eucharistie, die hl. Kommunion. Taufe, Beichte und Kommunion ermöglichen Ihnen ein Leben, das Sie zur Gemeinschaft mit Gott führt. Zu einer Gemeinschaft also, die Sie von Haus aus nicht haben. Der Mensch war ein Bild Gottes. Dann sündigte er. Die Sünde ist ansteckend, sie schwächt wie eine schwere Krankheit (…). Die Taufe stellt das Bild Gottes wieder her. Die Taufe ist eine Heilung, eine Erneuerung. Die Erbsünde und die immer wiederholte persönliche Sünde verhindern die Gemeinschaft mit Gott. Es braucht Heilung und Hilfe. Klar beschreibt Paulus einen Weg, von einem Zustand zu einem anderen Zustand: „So werdet ihr mehr und mehr von der ganzen Fülle Gottes erfüllt.“ Wir sind nicht erfüllt von der Fülle Gottes, wir sollen es werden! Es geht um Ihre Berufung. Ihre Taufe war ja kein Zufall, auch nicht bloß ein schöner Brauch. Es geht um Ihre Berufung, dem Bild Gottes immer mehr zu entsprechen. Blind muss diesen Weg keiner gehen: Jesus Christus ist das Bild Gottes. Schauen Sie auf ihn! So sollen Sie werden. Auch eng ist dieser Weg nicht und er führt nicht in die Enge. Unendlicher Gott in der endlichen Seele. So viel Raum, so viele Möglichkeiten! Das ist gemeint, wenn es in der Lesung heißt: „Er aber, der durch die Macht, die in uns wirkt, unendlich viel mehr tun kann, als wir… uns ausdenken können.“ Überschaubarkeit kann bequem sein, das Altvertraute kann tröstlich sein. Aber auch erstickend eng, total langweilig. Gott ist nicht eng, nicht langweilig, Gott ist unausdenkbar weit. Haben Sie Angst vor der Weite oder Sehnsucht nach Weite? Befragen Sie Ihr Herz! Ein hochnäsiger schwuler junger Pariser Schriftsteller, sehr in Mode derzeit, hat jetzt gesagt: Naja, Fortschritt muss immer mit Zerstörungen zusammengehen, Pech für die Ladenbesitzer und die Rathäuser. Niederträchtiger Blödsinn! Wir Katholiken haben das Beispiel der großen heiligen Frauen und Männer, welche die Welt verändert haben durch Worte, durch ihr Beispiel, durch das eigene Leiden und eben nicht das der anderen. Die Kraft dazu fanden sie wo? In ihrem Inneren. In der Gnade. Die Gnade bewirkt nicht Zerstörung, sondern Gemeinschaft. Wenn die Gnade wirkt, in mir, dann habe ich Gemeinschaft mit allem hier auf Erden und mit den drei göttlichen Personen. Die Gnade verbindet sich mit Ihrem Verstand, Ihrem Willen, Ihren Gefühlen. Im Verstand weckt sie den Glauben, im Willen weckt sie Hoffnung und Liebe. So kann ich Gott und die Menschen lieben. Sinn des Lebens. So wird Gott verherrlicht durch den Menschen der Gnade, der „Frucht bringt in jeder Art von guten Werken“ und wächst „in der Erkenntnis Gottes“ (s. Kol 1,9-11). Zum mündlichen Vortrag bestimmt, verzichtet dieser Text auf Quellenangaben. Jede Vervielfältigung und Veröffentlichung bedarf der ausdrücklichen Zustimmung des Autors. Die Predigt zum Download finden Sie hier!Die Predigt zum Anhören
Predigt in Marktheidenfeld am 22. Oktober 2026
