Jesus und die Macht – Vortrag bei den Ordensexerzitien in Stift Schlägl
Jesus und die Macht Autorität ist nicht dasselbe wie Macht[1]. Es gibt wohl Macht ohne Autorität. Der Räuber mit seinem Messer hat Macht, aber ich werde ihn deswegen nicht als Autorität anerkennen, oder? Die Währung von Autorität ist nicht Gewalt, sondern Vertrauen[2]. – „Autorität ist ein immaterieller, zwangloser Zwang, der auf fragloser Anerkennung beruht. Wer einer Autorität gehorcht, braucht keine Gewalt, erlebt keinen Zwang[3].“ Aber ich bin kein Philosoph und bewege mich deshalb auf unsicherem Boden. Vielleicht ist der exakte Unterschied zwischen Autorität und Macht hier gar nicht wichtig. Ich bin einfach nur katholischer Christ und als solcher sage ich: Jesus Christus, der, den die Evangelien zeigen, hat Autorität und er ist eine Macht. Ich verstehe gar nicht, wie man das anders sehen kann. Und doch wird es anders gesehen, in der Kirche. Gewiss bräuchte es genauere Untersuchungen dazu, aber mir scheint, in den aktuellen Diskussionen ist Jesus nicht mehr die Autorität, auf die sich alle berufen wollen. Jesus ist nicht mehr der wichtigste oder der einzige Maßstab. Sich auf ihn zu berufen oder auf die Evangelien wird als unkritisch, unaufgeklärt, unreflektiert angesehen. Es gibt ein Unbehagen an Jesus, man weicht ihm aus. Warum? Weil er ein Mann ist? Weil er ein Jude ist? Weil er (was ich noch verstünde) aus einer völlig anderen Zeit zu kommen scheint? Was kann ein Mann des antiken Orients für einen Menschen des Jahres 2026 in z. B. New York noch bedeuten? Diese Frage ist legitim. Bis zu dieser geschilderten Situation führt ein längerer Weg. In den letzten 200 Jahren, seit der Aufklärung etwa, ist Jesus zum Gutmenschen geworden. Zahlreiche Theolog*innen haben alles darangesetzt, ihn einer religionslosen Gesellschaft als nützlich nachzuweisen. Religion, so der Hintergedanke, ist nur dann gut, wenn sie der Gesellschaft nützt. Der Maßstab der gesellschaftlichen Nützlichkeit hat, Sie wissen es, schon den kontemplativen Klöstern das Genick gebrochen. Gebet und sonst nichts, das erscheint seit dem 18. Jahrhundert der Mehrheit als entbehrlicher, wenn nicht frevelhafter Luxus, nutzlos für die Gesellschaft. Jesus als nützliches Phänomen, als Gutmensch, das geht natürlich nur, wenn man zahlreiche andere Seiten der Persönlichkeit Jesu ausklammert[4]. So ist die Gottesbeziehung Jesu für die „modernen“ Bibel-Leser*innen irrelevant. Man sagt dann etwas wie „naja, das ist halt Theologie des Johannesevangeliums“, also zeitbedingt, m. a. W. für uns nicht mehr relevant. Gutmensch, Humanist, Toleranzidol, Vorkämpfer der Menschenliebe – das alles kann Jesus auch ohne Gott sein. Auch dieses: Die „Erneuerer“ Jesu operieren immer unter methodischem Ausschluss des Heiligen Geistes. Damit versperrt man sich aber von vornherein den Zugang zu einem Verständnis Jesu im Horizont seiner Beziehung zu Gott. Die Gottesbeziehung Jesu und erst recht die Beziehung zwischen dem Sohn und dem Vater im Himmel sind für viele Zeitgenossen nicht relevant. Und doch ist Jesu Selbstverständnis und seine Praxis nach dem Ausweis aller Texte eben darin begründet, dass in ihm und durch ihn der Heilige Geist wirkt. Die (unsanfte) Reinheit Jesu ist nicht seiner Anstrengung, nicht seiner moralischen Leistung geschuldet, sondern sie ist Folge der Anwesenheit des dreifaltigen Gottes in ihm. Das Wirken Jesu wie es die Evangelien schildern kommt nicht aus einer toleranten Humanität. Vielmehr kämpft Jesus für die Ausbreitung des Reiches Gottes. Dabei hat er einen Gegner: das Böse. Auch Paulus übrigens wirbt nicht um das Gute im Menschen, sondern um das Wirken des Heiligen Geistes Gottes in ihm. Die Bibel handelt nicht von Vernunft und sanfter Moral, sondern vom Ende der Welt, vom Kontakt zum unsichtbaren Bereich Gottes, vor allen Dingen aber von Gott und damit vom Unfassbaren und Geheimnisvollen. Das steht an erster Stelle. Weder die Menschenrechte noch der Humanismus (was auch immer das sei) lassen sich aus der Bibel begründen. Nicht einmal die Gottesebenbildlichkeit. Im NT ist gottebenbildlich allein Jesus. Christus ist Gottes Abbild. Daran haben Menschen Anteil, aber nur, wenn sie zur Kirche gehören. Im Zusammenhang mit der Frage nach der Macht-Stellung Jesu hier noch ein Hinweis. Sie wissen, wie entscheidend es für die Kirche war, dass sie zu den Heiden ging; dass sie also nicht im streng Jüdischen blieb[5]. Davon erzählt die Apostelgeschichte. Voraussetzung für die Heidenmission war: Israel lehnte Jesus mehrheitlich ab. Wenn nun aber Jesus Gottes Sohn war? Dann gewinnt die Ablehnung Jesu durch die Mehrheit der Juden und die jüdischen Autoritäten eine ganz andere Dimension. Wenn die Juden nicht einfach einen anderen Juden ablehnen, sondern den Sohn Gottes, dann bedeutet dies einen Bruch zwischen Gott und seinem Volk. Gott muss sich ein neues Volk suchen: bei den Heiden. So entsteht die Kirche. Das Versagen der Juden gegenüber Jesus beginnt also lange vor dem Prozess. Lukas, Paulus und Johannes der Täufer sehen das so. Wer das für antijüdische Polemik hält, muss also die ganze Linie Johannes der Täufer, Lukasevangelium, Apostelgeschichte, Paulus streichen. – Was man dabei aber immer wieder vergessen hat: Gott wird sich Israel am Ende wieder zuwenden[6]. Gottes Herrschaft ist die Größe, nach der sich Jesus ausrichtet. Entsprechend fordert das Vaterunser uns auf, um das Kommen von Gottes Reich zu bitten. Das hat aber mit dem Versagen Israels nichts zu tun. Das Reich Gottes ist prinzipiell von Israel abgelöst. Auch die Kirche ist nicht identisch mit Reich Gottes. Zum Reich Gottes gehört nur, wer die Früchte bringt; nur wer Gottes Herrschaft (Macht) anerkennt und seinen Willen tut, kann dazugehören. Und auch dies: Zu einer Königsherrschaft („Reich Gottes“) gehört nie nur eine Ansammlung von Individuen, sondern immer ein Volk, eine Gemeinschaft. Ein heilsgeschichtlicher Individualismus ist für Jesus undenkbar[7]. Damit aber – mit Reich und Gemeinschaft – stellt sich ganz automatisch die Frage nach Macht und Autorität. Gleich hier hilft vielleicht dieser Hinweis: „Was er euch sagt, das tut!“, sagt die, welche die Magd ist. Dieser Moment beleuchtet unsere Situation. Maria erklärt Jesus zur Autorität, zur Macht und indem sie dies tut, beansprucht sie selber Autorität über die Diener. Wir haben Macht, aber nur als Anteil an der Macht Jesu. Die Ankunft Jesu „Seine Vollmacht ist die Gottes, seine Sendung ganz menschlich. Ohne dass er die Armut, die Niedrigkeit, den Hunger… der Menschen… geteilt hätte, wäre die frohe Botschaft nicht wirksam geworden – und ohne dass er in der Autorität Gottes gesprochen und gewirkt hätte, wäre seine Menschlichkeit eine liebevolle, aber hilflose Geste geblieben[8].“ Die Hl. Schrift stellt uns Jesus vor als den lange Erwarteten. Als den, den viele Menschen, ein ganzes Volk erwarten. Als den Verheißenen. Als einen König, denken Sie an die Magier aus dem Morgenland. Denken Sie aber auch an Johannes, den Vorläufer: Sein ganzer Lebenszweck besteht darin, auf einen anderen, größeren vorzubereiten und dann vor dem Größeren zurückzutreten. Denken Sie an die Engel und ihre Begegnung mit den Hirten auf dem Feld. Denken Sie an Simeon und Anna. Sie warten auf den Erlöser. Sie warten ganz offenkundig nicht auf irgendwen, nicht auf einen Schwachen, sondern auf einen Starken. Den erkennen sie, erstaunlich genug, in einem Kind. Denken Sie an das erste Wunder, das erste „Zeichen“, das Jesus wirkt, bei der Hochzeit zu Kana: ein Zeichen nicht nur der Fülle, sondern eindeutig der Macht. Denken Sie weiter an die Art, wie Jesus von sich selber spricht. „Ich aber sage euch…“ Immer und immer wieder ruft der Herr das den Menschen, den Gläubigen (!) zu (s. Mt 5). Die Versuchung und das Kreuz. Machtkonflikt Sie erinnern sich an die zweite Versuchung Jesu in der Wüste: Der Teufel führte ihn auf einen hohen Berg, er zeigte ihm alle Reiche der Welt und sagte zu ihm: „All die Macht (!) und Herrlichkeit dieser Reiche will ich dir geben; denn sie sind mir überlassen, und ich gebe sie, wem ich will. Wenn du mich… anbetest, wird dir alles gehören“ (Joh 4, 4-7; vgl. Mt 4,8-10). Jesus bestreitet den Anspruch des Teufels nicht[9], aber nähme Jesus die Herrschaft über diese Welt hier an, würde dies nichts anderes bedeuten als die Anbetung des Versuchers[10]! Erstaunlicherweise tönt genau diese Versuchung am Ende seines Lebens wieder an. „Wenn du der König der Juden bzw. der Messias bist…“ Jesus verzichtet aber nicht einfach auf die Herrschaft. Er errichtet eine andere, gegenläufige Herrschaft. Gegenüber Pilatus spricht Jesus von seinem Königtum, – das aber nicht von dieser Welt ist (18, 36f). Was er von seiner Erhöhung am Kreuz sagt, zeigt uns, dass er das Kreuz als Ausgangspunkt seiner Herrschaft als König und Richter versteht[11]. Von dort aus will er die Menschen erreichen, sie an sich ziehen, sie hineinziehen in sein Sterben am Kreuz und damit in ein neues, aus Gott geborenes Leben. Das sagt natürlich etwas aus über die Art seiner Herrschaft – und über die Art der Macht, die seine Kirche hat. Nun könnte man (vor allem im Johannesevangelium) den Eindruck gewinnen, der Gegensatz zur Welt sei unüberbrückbar. Aber der Begriff kósmos, Welt wird im Johannesevangelium nicht nur negativ, sondern auch neutral oder sogar positiv verwendet: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einziggeborenen Sohn (für sie) hingab[12].“ Jesus wird als „Heiland der Welt“ bezeichnet (4,42), der sein Fleisch hingibt für das Leben der Welt (6,51). Die Öffnung Gottes zur Welt hin kommt bei den drei Synoptikern doch deutlicher zum Ausdruck. Die Welt ist das Ackerfeld, der gute Same sind die Söhne des Reiches (Mt 13, 38); die Jünger werden in die ganze Welt gesandt, um das Evangelium jeglichem Geschöpf zu verkünden (Mk 16, 15; vgl. Mt 28, 19); sie sollen „Licht der Welt“ sein und „Salz der Erde“ (Mt 5, 13f). Das Evangelium kann also für eine generelle Ablehnung der Welt nicht vereinnahmt werden. Alle diese Bilder zeigen, dass sich das Himmelreich nicht mit Gewalt aufdrängt. Es wirkt auf unscheinbare Weise, es setzt auf seine innerlich überzeugende Kraft. Wenn der Herr beim Missionsbefehl von der Vollmacht spricht, mit welcher er die Jünger aussendet, dann bedeutet dies gerade nicht weltliche Machterweise. Jesus Christus will als der Gekreuzigte herrschen: nicht durch Zeichen der irdischen Macht oder unwiderlegbare Argumente. Durch die Ohnmacht und die „Torheit“ des Kreuzes sollen die Menschen innerlich ergriffen werden ([13]. „Jesus behält die Vollmacht, die ihn als Messias auszeichnet, nicht für sich, sondern gibt sie weiter: seinen Jüngern, die er aussendet.“ (Mk 6,7; Mt 10,1; Lk 9,1)[14]. – „Die Zwölf brauchen die Vollmachtsübertragung aus einem doppelten Grund: Sie selbst haben beim besten Willen weder die Kraft noch die Aufgabe, weder die Freiheit noch das Recht, als Retter der Menschen zu wirken – Gott allein ist ihr Herr und Meister, personifiziert durch Jesus (Mt 23,8-9); die Menschen, zu denen sie gesandt werden, sollen aber darauf vertrauen können, dasselbe Evangelium von den Jüngern wie von Jesus selbst zu hören…“ – „Es war und ist ein Irrweg, die ‚Vollmacht‘ als Privileg der Zwölf – und ihrer Nachfolger – zu betrachten. Es ist im Gegenteil die Versuchung der Zwölf, ihre Nähe zu Jesus auszunutzen, um Macht über die Menschen auszuüben, indem sie den Zugang zu Jesus kontrollieren…“ Jesus ist ihnen immer voraus. „Wer Erster sein will, sei Letzter und Diener von allen.“ – „Diese Umkehr ist der Weg Jesu, sie findet nicht einmalig, sondern immer wieder statt: Wer Erster sein will und deshalb Letzter wird, ist dadurch Erster und muss wieder Letzter werden.“ – „Es war und ist aber auch ein Irrweg, die ‚Vollmacht‘ nicht wahrzunehmen, die Jesus verliehen hat. Er hat sie den Jüngern ja nicht um ihretwillen verliehen, sondern damit all diejenigen Menschen, die er persönlich nicht erreichen kann, ohne jeden Qualitätsschwund dieselbe Gute Nachricht erhalten wie durch ihn selbst…“ – „Dass Vollmacht Dienst ist, lässt sich, wie die Geschichte lehrt, missbrauchen: indem die Macht verschleiert wird, die mit der Vollmacht einhergeht.“ – „Gottes Geist vereinigt Jesus und die Jünger, so dass er er bleibt, der Sohn Gottes, und sie sie bleiben, seine Jünger, aber sie durch ihn und er durch sie wirkt: um die Macht des Bösen zu besiegen und Frieden zu schaffen[15].“ Salz der Erde Die Jünger sollen Licht der Welt und Salz der Erde sein. Heißt das, dass die Christen die Herrschaft Christi in die staatliche Ordnung hineintragen sollen? Lässt sich der Gegensatz von weltlicher und christlicher Herrschaft also doch überbrücken? Es gibt auf Erden eine Anteilnahme an der väterlichen Autorität Gottes; aber sie wird gegeben und kann wieder genommen werden. Beide „Zustände“ sind möglich: Macht und Ohnmacht. Die Ideologen führen die Welt in die Ausweglosigkeit, die Geschichte hat dies bewiesen. Für uns gilt: Trotz des Ziels, die ganze Gesellschaft für Christus und sein Reich zu gewinnen und trotz der beachtlichen Geschichtsmacht der Kirche und ihrer Heiligen wird sich das Weltliche immer wieder durchsetzen. Wer dem Herrn nachfolgt, wird in dieser Welt Anstoß erregen; er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird – wie Jesus[16], den die Welt nicht erkannt hat[17]. Die Frage: „Wird der Menschensohn bei seinem Kommen den Glauben finden auf Erden[18]?“ wird bis zum Jüngsten Tag nie obsolet werden. Sicher wird die Kirche bis ans Ende der Welt bestehen und Christus wird ihr nahe sein[19] (Mt 28, 20), aber diese Existenz wird nie unangefochten sein. Und nie von triumphalem Erfolg gekrönt. Können Sie mit der Vergeblichkeit leben? Können Sie mit der Machtlosigkeit leben? Wir wissen vielleicht nicht mehr als dies: Die Pforten der Hölle werden die Kirche berühren, aber sie werden die Kirche nicht überwinden[20]. Herrschaft Gottes Es klingt zunächst plausibel, einen Herrschaftsanspruch Christi in Staat und Gesellschaft zu beanspruchen. Gott hat Rechte. Die Frage ist freilich, auf welche Weise Gott seine Rechte beansprucht haben will. Sie werden in der Schrift wie in der Liturgie immer wieder diesen Kontrast spüren: einerseits die Behauptung der gewaltigen Macht Gottes, andererseits Menschen wie Johannes der Täufer, der im Kerker sitzt und fragt (!): “Bist Du es, der da kommen soll, oder sollen wir etwa noch auf einen anderen warten?” (Lk 7, 19). Die Verunsicherung des Täufers ist verständlich, denn scheinbar will Christus seinen Herrschaftsanspruch nicht durchsetzen, sondern beschäftigt sich lieber mit ein paar armen und kranken Leuten in Galiläa, während Menschen wie Tiberius, Herodes Agrippa, Pontius Pilatus, Hannas und Kajaphas die Welt beherrschen. Der Vorläufer Johannes und Jesus selbst werden ihrer Willkür ausgeliefert. Aber der Same freiwillig vergossenen Blutes begründet das kommende Gottesreich. Der Weg geht also nicht an die Schaltstellen der Macht, um die Rechte Gottes von oben her durchzusetzen, sondern über die innere Aufnahmebereitschaft des Herzens. Denken Sie an die Seligpreisungen der Bergpredigt (Mt 5, 3-12): Sie gelten als Irrsinn, aber in Wahrheit führt das, was die Welt seligpreist, ins Verderben. Wahre Erneuerung kann nicht von oben diktiert werden, sondern muss von innen her wachsen (s. Orden). Offenbar soll Gottes Macht so zur Geltung kommen: durch die Schwäche des Menschen gegenüber den Machthabern dieser Welt[21]. Die Wunder Jesu: Machterweise Was haben die Wunder Jesu mit unserem Thema zu tun? Jesus hat, so das Evangelium, mehrfach Tote wieder zum Leben erweckt. Auch von manchen seiner Heiligen wird das berichtet. Können wir ganz sicher sein, dass es das nicht gibt, eine Toten-Erweckung? Wenn es keine Toten-Erweckungen gibt, dann bleibt nur die Konsequenz: Das Evangelium sagt nicht die Wahrheit. Ob böswillig oder naiv, ist da gar nicht wichtig. Wenn das Evangelium immer dann lügt, wenn es um Wunder geht, bleibt uns nur noch übrig: anderen helfen, lieb sein, verzeihen… Alles wichtig, aber dazu brauche ich kein Evangelium. Schon der Hausverstand sagt mir: Wenn du nicht verzeihst, ist deine Beziehung am Ende. Die Leute können Dogmen nicht leiden, haben aber selbst welche. Z. B. das Dogma „Es gibt keine Wunder!“ Wenn das so ist, kann man die Bibel nur noch „symbolisch“ verstehen: Geschehen ist nichts, aber die Erzählung soll uns sagen, wie wichtig Jesus war. Ich habe einen anderen Zugang. In den Wundern Jesu begegnet mir die Macht des unfassbar großen Gottes. In den Speisungsgeschichten z. B. staunen die Menschen. Von der Fassungslosigkeit der Zeugen wird immer und immer wieder berichtet; offenbar ist dies der Hl. Schrift wichtig. Die Welt des Zeugen wird weiter. Angesichts der Wunder ahnen die Zeugen die Macht dieses Mannes aus Nazareth. Mit den Berichten von den Wundern Jesu bringt das Evangelium eine ganz andere Dimension ins Leben. Wunder sind Zeichenhandlungen und Machterweise. Sie weisen hin auf eine neue Wirklichkeit, welche die Macht Gottes erschafft. Die Pharisäer bemerken davon nichts. Weil sie geistlich blind sind und borniert: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Denen, die nicht glauben, kann Jesus nicht helfen (s. Mk 6,5). Hier, an der Freiheit des Menschen, hat seine Macht eine Grenze. Sehen Sie, die Bibel hat kein Interesse daran, vernünftig in unserem Sinn zu sein, widerspruchsfrei oder logisch[22]. Das Schema von Ursache und Wirkung kann eben nicht jede denkbare Realität erklären. Wunder widersprechen nicht der Natur, sondern nur dem, was wir von der Natur kennen. Jesus interessiert sich nicht für allgemeine Vernunftregeln, nicht für ein Weltethos, sondern für Wachsamkeit: vernehmen, was Gott will. Es geht also in den Wundern Jesu um die Macht Gottes. Mit ihr müssen wir uns auseinandersetzen. Dieses Denkmuster lässt sich auch auf die Kirche anwenden. Man kann sich darauf beschränken zu fragen: Wozu ist die Kirche gut, was bewirkt sie, was bringt sie uns? Man kann aber auch (!) glauben: Die Kirche ist ein geheimnisvolles Ereignis, zu dem man leibhaftig hingehen sollte, um verwandelt zu werden. Jesus gibt anderen Macht. Wer den Evangelien und dem Jesus der Evangelien begegnet, der versteht: Es kommt nicht von ungefähr, dass die Kirche dem Thema „Macht“ begegnet. Sie erfährt die Macht des Herrn. Wie von selbst stellt sich also die Frage, ob nicht auch die Kirche selbst Macht habe und, wenn ja, wie diese Macht auszuüben sei. Jesus erteilt den Aposteln[23] die Vollmacht, Sünden zu vergeben. Er sendet die Jünger aus mit der Vollmacht, Kranke zu heilen. „Da rief er die Zwölf zu sich und gab ihnen die Kraft und die Vollmacht, alle Dämonen auszutreiben und die Kranken gesund zu machen“ (Lk 9,1). Er erteilt ihnen den Auftrag und die Vollmacht, zu allen Völkern zu gehen und alle Menschen zu seinen Jüngern zu machen (s. Mt 28,19). Er gibt den Menschen die Macht, „Kinder Gottes zu werden“ (Joh 1,12). „Geht! Weckt Tote auf!“ (Mt 10,8[24]), sagt Jesus den zwölf Aposteln. Sie können sich vorstellen, was für Männer das waren, diese Fischer vom See und Zöllner: Handwerker, Geschäftsleute… Und solchen Männern sagt Jesus: „Geht! Weckt Tote auf!“ Wie hätten Sie reagiert? Wären Sie gegangen? Und wie wären Sie gegangen? Aufgeregt, oder? Ratlos. Sehr gespannt. Wie wären Sie gegangen, wenn Sie gehört hätten, wie Er sagt: „Ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe“ (Mt 10,16)? So ist das, so muss das sein, wenn Christen der Macht begegnen und selbst Macht ausüben. Die Fußwaschung. Die Eucharistie (Macht der Verwandlung). Das Kreuz (Machtlosigkeit und Macht) Am Ende seines Lebens zeigt uns Jesus noch ein weiteres Mal, wie Er die Macht versteht. Da tut er den Sklavendienst der Fußwaschung, tut ihn aber als Herr. „Ihr sagt zu mir Meister und Herr, und ihr nennt mich mit Recht so, denn ich bin es“ (Joh 13,13). Sie bemerken an seinem Wort an Petrus auch, dass er diese Fußwaschung mit seiner ganzen Autorität tut und anordnet. Bei der Einsetzung der Eucharistie dann geht es um Hingabe aus Liebe, aber auch um die Macht der Verwandlung. Alles zeigt Jesus hier als den souverän Handelnden, der die Gesetze der Schöpfung außer Kraft setzt. Auch das Kreuz verbindet tiefste Demütigung, „Schande“ mit Herrschaftsanspruch und Macht. „Wenn ich erhöht bin, werde ich alle an mich ziehen.“ Wir, die Getauften nehmen diese Lehren an und geben unsere Antwort, indem wir beten: „Dein Reich komme, Dein Wille geschehe.“ [1] Ergänze evtl. Hannah Arendt / SZ, Gustav Seibt, 27.1.2026. – Zum Begriff der Autorität s. a. Communio Nov-Dez 2025, 576. [2] „Die Währung von Autorität ist nicht Gewalt, sondern Vertrauen. Vertrauen braucht nicht nur die Justiz, ohne Vertrauen verlieren auch Wahlen ihre Legitimität und gewaltlose Macht. Es ist daher… folgerichtig, dass Trump und seine Bewegung mittlerweile einen ideologischen Kernpunkt in der systematischen Anzweiflung der Wahlen… haben.“ (SZ, 27.1.2026, S. 9) [3] Ibid. [4] Dies und das Folgende s. Berger, Jesus, 403 ss. [5] Material bei Berger, Jesus: Wenn der historische Jesus nicht Sohn Gottes war, dann gibt es auch kein Versagen Israels; wenn Jesus aus Nazareth nicht der Sohn Gottes war, dann gab es auch keinen legitimen Grund, das Evangelium zu den Heiden zu bringen. [6] Mt 23,39; Lk 13,35; Röm 11,26. [7] Vgl. Berger, Jesus, S. 442. [8] Communio, Nov-Dez 2025, S. 565. – Belegstellen aus dem Evangelium für die Macht Jesu ibid. U. 567. [9] Der Teufel „Vater der Lüge“. Siehe dazu auch: Adam, der „Vater des Kosmos“ (Weish 10, 1), dem die Herrschaft über die Geschöpfe der Erde tatsächlich anvertraut worden ist (vgl. Gen 1, 26; 2, 15; Ps 8, 6-9), hat sich unter die Hörigkeit eben jener Schlange begeben hat, die nun ihre Herrschaft beansprucht. [10] Siehe auch Versuchung am Ölberg und auf Kalvaria mit derselben Argumentation „Wenn du der König der Juden bzw. der Messias bist. [11] S. a. Jesu Sitzen auf dem Richterstuhl (Jo 19, 13). Zur Erhöhung am Kreuz siehe Joh 4, 6; 5, 25. 28; 7, 30; 8, 20; 12, 27; 13, 1; 17, 1. [12] Joh 3,16; vgl. 1 Joh 4,9. [13] Vgl. 1 Kor 1,18-24; s. a. Joh 16,33; 1 Joh 5,4 f. [14] Communio, Nov-Dez. 2025, 571. [15] Id., 572-573. [16] Vgl. Lk 2,34. [17] Joh 1,10. [18] Lk 18,8. [19] Mt 28,20. [20] Vgl. Mt 16,18. [21] Siehe dazu: „Der aufgebrochene Zorn Gottes, seine Ablehnung gegen alles Fremde, und das heißt nun Widergöttliche, seine dunkle Zerstörungswut gegenüber allem, was ihm entgegensteht, wird Gestalt, wird Feind und Teufel und Ankläger, und die ‚Engel kämpfen‘ gegen ihn. Sie tun es im Namen Gottes.“ (Lehnert, Haus, S. 184) [22] Berger, Jesus, S. 418. [23] Auf die Frage nach dem Unterschied zwischen den Aposteln, den Zwölf, den Jüngern, allen Gläubigen, der Kirche usw. müssen wir hier nicht eingehen. [24] „Geht / Und verkündet: / Das Himmelreich ist nahe! / Heilt Kranke, / weckt Tote auf, / macht Aussätzige rein / treibt Dämonen aus!“ Zum mündlichen Vortrag bestimmt, verzichtet dieser Text auf vollständige und exakte Quellenangaben. Die Fußnoten entsprechen nicht dem wissenschaftlichen Standard. Jede Vervielfältigung und Veröffentlichung bedarf der ausdrücklichen Zustimmung des Autors. Die Predigt zum Download finden Sie hier!II. Vortrag bei den Ordensexerzitien in Stift Schlägl – 20. bis 22. Februar 2026
