Souveräner Ritter- und Hospitalorden vom heiligen Johannes zu Jerusalem von Rhodos und von Malta

Nachrichten

Fest des Hl. Hieronymus, 30. September 2019

30/09/2019 


Im Namen des Vaters + des Sohnes + des Hl. Geistes

„Habt Ihr das verstanden?“ – „Und sie antworteten: Ja.“

Das ist der Unterschied zwischen Begehren und Liebe: Wenn ich einen Menschen begehre, will ich ihn haben; allenfalls verstehen, wie er funktioniert. Wenn ich einen Menschen liebe, will ich ihn verstehen; ihn erkennen. Das Verstehen ist Ausdruck der Liebe. Der Teufel durchschaut uns. Gott versteht uns, und die Jünger werden Jesus immer mehr lieben, je mehr sie ihn verstehen.

Heute feiern wir „den mit dem Buch“… In der Tat: Der hl. Hieronymus wird stets mit einem Buch dargestellt. Mit dem Buch: der Heiligen Schrift. Oft sind da noch viele andere Bücher, manchmal auch ein friedlicher Löwe. Der Heilige hatte das Tier von einem schmerzhaften Dorn befreit. Und sich dann, so dürfen wir annehmen, wieder dem Buch zugewandt.

Bücher können stehen für Wissensdurst, Neugierde, Besserwissen, für die Angeberei des Intellektuellen, die Sattheit des Bürgers mit seiner bewährten Bildung, für den Machthunger des Spezialisten. Oder aber für das Verstehen-wollen.

Der Neugierige, der Bildungsbürger, erst recht der Intellektuelle: Sie werden sich an der Bibel nicht lange freuen. Als Buch des bloßen Wissens ist sie längst überholt und angeben lässt sich mit ihr bei keinem Abendessen. So liegt die Bibel vor uns, geläutert von den Zeiten, und ist nur noch: das Buch.

Der Katechismus lehrt: „Gott ist der Urheber [Autor] der Heiligen Schrift.“ Die Bibel ist also nicht eines von vielen Büchern, sondern Gegenwart Gottes.

Gott hat bestimmte Menschen erwählt – „inspiriert“ –, um seine Offenbarung in menschliche Worte zu fassen. Er hat also auch die Fähigkeiten und Eigenheiten dieser Menschen erwählt. So überliefern die Evangelisten das, was Gott sagt, – aber mit ihren Worten. Was die inspirierten Verfasser in ihrer eigenen Sprache aussagen, ist vom Hl. Geist gesagt. Deshalb bekennen wir, dass die Bücher der Hl. Schrift „sicher, getreu und ohne Irrtum die Wahrheit lehren“. Und zwar die Wahrheit, die Gott um unseres Heiles willen aufgezeichnet haben wollte. Die Bibel kann also überholt sein im Wissenschaftlichem oder Geschichtlichem, aber nie in dem, was unser Heil betrifft.

Das Verstehen Gottes, die Liebe zu Gott gehen also über Worte. Sie alle können ohne die Schrift und das Wort nicht sein: Ambrosius, Augustinus, Gregor der Große – und Hieronymus: die vier lateinischen Kirchenväter des Altertums. Hieronymus war Kroate; um 345 geboren. Sein Leben lang hat er studiert, einen Großteil seines Lebens war er unterwegs. An seiner Vita ahnen wir die Geistigkeit und Mobilität der Antike. Er studiert zuerst in Rom: Grammatik, Rhetorik, Philosophie. Dort wird er auch Christ. Dann geht er über Trier und Aquileia nach Syrien, lebt dort als Eremit, tritt also in Kontakt mit dem frühen Mönchtum unserer Kirche. Dann studiert er von Neuem: Griechisch und Hebräisch in Antiochia, Theologie in Konstantinopel, als Schüler des hl. Gregor von Nazianz. Dann wird er Sekretär des Papstes. In Rom sammeln sich fromme Frauen um ihn, unter ihnen die hl. Marcella und die hl. Paula. 385 verlässt er die Stadt: Der hl. Hieronymus war ein empfindlicher Mann, der auf Kritik mit harter Polemik reagieren konnte. Er hatte sich in Rom mit fast allen im Klerus überworfen. Nun geht er nach Bethlehem. Dort gründet er ein Männerkloster und drei Frauenklöster, arbeitet an Kommentaren zur Hl. Schrift und an einer lateinischen Bibelübersetzung: Seine Vulgata war bis ins 20. Jahrhundert die maßgebliche Übersetzung der Bibel.

Im Leben dieses Heiligen greifen also die Epoche, der Charakter, das Studieren und das Wirken des Heiligen Geistes ineinander. Sie werden eins. So ist die Kirche.

Da ist also die Arbeit des Menschen: Lesen, Nachdenken, Auswählen. Der Übersetzer wählt aus dem riesigen Vorrat an Wörtern das eine richtige aus – wie die Fischer die guten und die schlechten Fische sortieren und der Hausherr aus seinem Vorrat Neues und Altes hervorholt. Die Entscheidung des heiligen Übersetzers wird getragen vom Heiligen Geist und der Kirche: „Bleibe bei dem, was du gelernt und wovon du dich überzeugt hast“, heißt es in der Lesung. Es geht nicht ohne Treue: Treue zum Geist und zur Kirche. Sonst bleibt die Bibel ein altes, totes Buch oder sie wird zu einem Machwerk des Gelehrten. Der Heilige Geist muss unseren Geist für das Verständnis der Schrift öffnen. Zur Schrift muss die Begegnung treten.

Der heilige Gelehrte, der Übersetzer versteht, weil er liebt und macht das Verstandene anderen zugänglich, wiederum aus Liebe. Liebe zu dem, der spricht – Liebe zum Wort – Liebe zu denen, die hören. Die Kirche ist die Gemeinschaft derer, die, geleitet vom Hl. Geist, nachsinnen über das Wort Gottes. Lesen, Hören, Aussprechen, Erklären, Deuten, Weitergeben: Alles das gehört dazu. Alle nehmen daran teil, Eltern wie Theologen. Unablässiges, immer wachsendes, allgemeines Verstehen. Gott inspiriert also die Autoren der Schrift und die, die über die Schrift nachsinnen: uns hier. Wir hören, und unablässig fragt er: „Habt ihr das verstanden?“ Und wir sagen unser wachsendes Ja.

Zum mündlichen Vortrag bestimmt, verzichtet dieser Text auf Quellenangaben. Jede Vervielfältigung und Veröffentlichung bedarf der ausdrücklichen Zustimmung des Autors.

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