Macht und Resignation – Vortrag bei den Ordensexerzitien in Stift Schlägl
Macht und Resignation Prolog „Ich will mich meiner Schwachheit rühmen, Lehrt uns Paulus hier, wie wir uns zur Macht verhalten sollen? Ist Ohnmacht die Lösung? Muss die Kirche ohnmächtig sein? Ich überlege schon seit einiger Zeit: Ist Resignation die Lösung? Wozu sind Exerzitien da? Um zu verwirren. Natürlich auch um zu ermutigen, zu erinnern, zu bilden, aber das alles scheint mir unmöglich, wenn nicht ein Art Erschütterung vorausgeht, wenn nicht Fragen aufsteigen. Also, fassen Sie Mut! Einleitende Fragen Vielleicht sind auch Sie wie ich der Meinung: Nachdenken hilft. Zum Nachdenken gehört das Fragen. Ich nähere mich dem Thema an, indem ich mir Fragen stelle. Vielleicht hilft es Ihnen weiter, wenn ich Sie an meinen Fragen teilhaben lassen. Da wäre zum Beispiel die Frage: Muss die Beschäftigung mit der Macht nicht klugerweise auch eine Beschäftigung mit der Machtlosigkeit sein? Mit der Ohnmacht? Die Erfahrung von Machtlosigkeit und Ohnmacht machen Sie ja wie ich. Oder diese Frage: Wie begegnet man der ungerechten Macht? Mit Widerstand? Wehrhaft? Welche Waffen stehen uns zur Verfügung, wenn Mächtige uns Gewalt antun? Was tun wir, wenn wir selbst Macht haben und man uns widersteht? Oft sind es konkrete Ereignisse im Alltag, die mich vor Fragen stellen. Sie erinnern sich: Anfang Januar verursachte ein vermutlich linksextremer Brandanschlag einen massiven Stromausfall in großen Teilen Berlins. Über 25.000 Haushalte und Gewerbekunden waren tagelang ohne Strom und Heizung. Wenn man die betroffenen Stadtviertel und die Bekennerschreiben betrachtet, wird klar: Das ging gegen „die Reichen“[1]. Gerechtfertigt wird das Attentat mit der Bedeutung des Klimawandels für die Allgemeinheit. Wir wenden Macht an, um eine Bewusstseinsänderung der Menge herbeizuführen und so die Welt vor der Katastrophe zu retten: So ähnlich geht die Argumentation. Es geht also um Macht. Nun haben wir Christen ein ähnlich wichtiges Anliegen (wenigstens in unseren eigenen Augen. Uns geht es um das Heil der Welt. Wenn die Menschen sich nicht ändern, verfehlen sie ihr ewiges Heil. Sie wissen, dass in der Geschichte dieses Argument durchaus reichte, um Gewalt anzuwenden – zum Wohl aller Menschen, wie man dachte. Also könnte man fragen: Warum greifen wir kein E-Werk an, um die Leute in die Kirche zu zwingen und sie so zu retten? Haben wir resigniert? Und wenn ja, wäre das nicht ein Beweis dafür, dass wir verloren haben? Ohnmachtserfahrungen´ Die Leute sind immer noch überzeugt, die Katholische Kirche sei mächtig. Ja, dieser Eindruck kann entstehen, wenn man in Österreich über Land fährt und alle die Kirchen sieht, Dorf um Dorf, immer in der Mitte, immer groß, immer schön. Der Eindruck, die Kirche sei mächtig, kann entstehen, wenn man Artikel über ihren Grundbesitz liest und er entsteht ganz sicher, wenn man auf der Autobahn fährt und in der Ferne das Stift Melk sieht. Allerdings: Die Kirchen in der Mitte der Dörfer sind … leer. Sie alle wissen es. Ich hatte in der langen Zeit als Pfarrer nie den Eindruck, ich sei in diesem Amt mächtig. Ich fühlte mich eher in die Rolle eines minderen Angestellten der Leute gedrängt. Ich habe weniger Respekt oder gar Ehrerbietung erfahren als vielmehr dreiste, kaum verhüllte Machtkämpfe. Vielleicht mein Fehler. Wir alle erfahren Ohnmacht, das steht fest. Keine Macht der Welt ermöglicht es mir, die große Liebe wiederzufinden. Keine Macht der Welt macht den Krieg ungeschehen. Keine Macht der Welt vermag eine Erinnerung in eine blutdurchströmte, lebendige Wirklichkeit umzuformen. Wir werden alle alt. Wir werden alle sterben. Lauter Ohnmachtserfahrungen. Wie damit umgehen? Wie damit umgehen vor dem Hintergrund der Geschichte? Denn die Ohnmachtserfahrungen sind ja nicht eine rein private Angelegenheit. Sie erinnern sich: „Das Ziel in den Blick zu nehmen, es zu identifizieren, war das Handwerk der Reformer [die es ja auch unter den Heiligen gibt] und Revolutionäre.“ Und Ihnen ist klar: Heute ist das „vielfach ein Job von Technikvisionären und Programmdesignern“[2]. Haben wir resigniert? Gehen wir (heute) anders vor als die Heiligen der früheren Zeiten? Ist Resignation der Weg, um mit der Ohnmacht (der Kirche) umzugehen? Und wenn ja, wie hätte diese Resignation genauer auszusehen? Erinnerungen Ich habe Sie in den vorausgehenden Vorträgen geplagt mit ganz abstrakten, trockenen Gedanken. Vielleicht darf ich deshalb jetzt etwas eher Anekdotisches wagen. Da ist die Gefahr, dass Sie mich für indiskret, indezent und subjektiv halten; da ist aber auch die Chance, dass Sie ein wenig aufatmen und sich zurücklehnen können. Weil da einer nur erzählt. Ich gehe zurück in die Jahre meiner Teenager-Zeit. Ich war damals Schüler an einem Jesuiten-Kolleg und hatte zum ersten Mal im Leben mit aufgeschlossenen, offenen, freundlichen, liberalen Priestern zu tun. Ich habe sie gehasst. Nehmen Sie das nicht zu wörtlich, einerseits, erinnern Sie sich andererseits aber auch daran, wieviel Abneigung gegen Vorgesetzte ein 16-Jähriger aufbringen kann. Die Zeit nach dem II. Vatikanischen Konzil, moderne, liberale Priester im Rollkragenpulli – und ich. Ich wollte damals Priester werden. Aber ganz sicher nicht so einer. Ich wollte auch nicht Priester werden, um mich dann um die Armen und Kranken zu kümmern. Ich war damals fasziniert von der Macht der Kirche. Im Geschichtsunterricht stand ich klar auf der Seite der Päpste, gegen die deutschen Könige und Kaiser. Der berühmte Dictatus Papae des hl. Papstes Gregor VII. leuchtete mir vollkommen ein. Sie erinnern sich, dass Gregor VII. im März 1075 u. a. folgende Lehrsätze niederschrieb: „Dass es ihm [dem Papst] erlaubt ist, Kaiser abzusetzen.“ „Dass sein Urteilsspruch von niemandem widerrufen werden darf und er selbst als einziger die Urteile aller widerrufen kann.“ „Dass die römische Kirche niemals in Irrtum verfallen ist und nach dem Zeugnis der Schrift niemals irren wird.“ Mein Religionslehrer, ein milder junger Jesuiten-Pater sah sich vom bebrillten Schüler in der vierten Reihe der Häresie angeklagt. Die in der Teeküche versammelten Mitschüler lernten schnell, dass ich keineswegs wie viele von ihnen Sympathien für die Rote Armee Fraktion hatte, sondern für den katholischen Diktator Franco. Mein Geschichtsprofessor, der fabelhafte Professor Engesser, teilte meine Sichtweise nicht. Aber er nahm die Diskussion auf. Zur Ehrenrettung meiner armen Eltern sei gesagt, dass ich meine Ideen ganz gewiss nicht von ihnen hatte. Sie waren CSU-Wähler und treue, aber nicht zu treue Katholiken. Den Klerus betrachteten sie mit einer Mischung aus Misstrauen und leiser Verachtung und Protestanten konnten sie nicht leiden. Weil Protestanten nicht nur freudlos und vorlaut waren, sondern in der Regel auch noch „Preußen“. Preußen begann für meinen Vater im hessischen Offenbach. Die Offenbacher waren die Ausländer meiner Jugend. Es wird Sie nicht erstaunen, dass ich erst einmal Mühe hatte mit dem Konzil. Zunächst ging es nur um ästhetische Fragen, dann aber bald um weltanschauliche. Die Kirche sollte sich „der Welt öffnen“, „extra Ecclesiam nulla salus“, landläufig-laienhaft übersetzt mit „außerhalb der römisch-katholischen Kirche kein Heil“ sollte nicht mehr gelten. Es kam zu lebhaften Diskussionen mit dem Geschichtslehrer und zu gütigen, aber doch firmen Einwänden des Beichtvaters. Ich gelangte zurück auf den guten Weg. Das entscheidende Argument war: Katholiken können nicht oder nicht mehr für eine geschlossene Gesellschaft sein. Das Ideal einer Gesellschaft, in der alle und wohl auch alle auf gleiche Weise katholisch sind, ist obsolet, jedenfalls keine politische Option mehr. Die Kirche hat im Konzil ihren Frieden gemacht mit der modernen, pluralistischen Gesellschaft. Sie hat auch in den anderen Religionen und Weltanschauungen Gutes und Wahres erkannt und darauf verzichtet, den katholischen Glauben mit den Mitteln der politischen Macht durchzusetzen. Obwohl sie das könnte und dürfte. Wer weiß, wie die Kirche noch bis ins 19. Jahrhundert hinein gesehen und verteidigt wurde, wird die Virulenz dieser Gedankengänge verstehen. Es ist nicht schwer, noch zur Zeit unserer Ur-ur-großeltern Theologen, Bischöfe, Päpste, Journalisten, Politiker zu finden, die nicht nur die weltliche Macht des Papsttums verteidigten, sondern auch die Inquisition und ein Bild der Gesellschaft, das als Ideal das Kloster erkennen lässt – und ganz bestimmt nicht die pluralistische, demokratische Gesellschaft. Wer die Diskussionen dieser Tage verfolgt, weiß, dass diese Fragen plötzlich von Neuem erörtert werden. Ich verstand also und verstehe bis heute das Konzil als den großen Verzicht. Als heilige Resignation. Heilig, weil ich als treuer Katholik das Konzil in Summe (!) als Werk des Heiligen Geistes ansehe. Eine „dogmatische Konstitution“ wie die „über die Kirche“, „Lumen gentium“ bindet mich im Glauben. Zuerst einmal habe ich mich dem Konzil anzupassen, sicher nicht das Konzil sich mir. Und dieses Konzil verzichtet auf eine bestimmte Art von Machtanspruch. Der Gang der Geschichte Wenn es vom erwähnten Dictatus Papae heißt: „Den politischen Herrschaftsanspruch des Dictatus… hat der Gang der Geschichte erledigt[3]“, dann trifft das nicht den Punkt. Ich kann auch an Dingen festhalten, die der Gang der Geschichte scheinbar erledigt hat. Zum Beispiel an der Struktur der Familie: Mann, Frau, Kind. Entscheidend ist nicht die Geschichte allein, sondern wie sich die katholische Kirche selbst sieht. Mit dem Konzil gibt sie ihr Recht nicht auf, aber sie verzichtet auf die Durchsetzung dieses Rechtes. Das ist ein wichtiger Unterschied. Ich verstehe es so: Natürlich hat die Wahrheit ein Vorrecht gegenüber dem Irrtum. Aber sie muss dieses Recht nicht durchsetzen, schon gar nicht auf eine bestimmte Art und Weise, nicht politisch. – Sie erinnern sich vielleicht, dass dies einen wichtigen Punkt der Diskussion um das Konzil berührt. Nur in den Augen der Laien ging es um Latein, Volksaltar und Zölibat; für die Theologen war viel wichtiger die Frage: Kann die Kirche dem Irrtum irgendwelche Rechte einräumen und sei es auch nur auf der Ebene der Politik und der weltlichen Macht? Das bedeutet für die Kirche auf all ihren Rängen: Wir müssen nicht mit der weltlichen Macht konkurrieren. Wir können lächelnd weggehen – so verstehe ich resignieren. Unser Verzicht soll nicht etwas Erzwungenes haben, auch nicht etwas schlau Abwartendes, sondern frei sein. Der Pfarrer kann das Dorf nicht mehr regieren: Ist das schade? Soll er wieder übernehmen, sobald die Zeichen günstiger stehen? Oder kann er zusammen mit den anderen Gruppen etwas für das bonum commune des Dorfes tun? Sie werden verstehen, dass dies einen großen Unterschied macht. Wie modern in einem guten Sinn kann eine Kirche sein, die bei einem Umsturz der politischen Verhältnisse zuerst daran denkt, alten Besitz und alten Einfluss zurückzugewinnen? Sie sehen einmal mehr: Es geht in der Kirche immer um Macht (vielleicht geht es bei Menschen immer um Macht): von den Aposteln – denken Sie an den Konflikt zwischen Petrus und Johannes auf der einen und den Priestern, dem Tempelhauptmann und den Sadduzäern auf der anderen Seite[4] – bis heute. Das Thema ist immer aktuell, und irgendwie werden Sie sich positionieren müssen. Diese Positionierung kann nicht bloß ein politischer Vorgang sein. Ich frage mich, ob sie überhaupt in die Politik gehört. Die Art, wie wir mit der Macht umgehen, wird politische Konsequenzen haben, innerkirchlich wie außerhalb der Kirche, das gewiss; aber wir können beim Umgang mit der Macht nicht mit der Politik beginnen. Jesus geriet in die Politik, aber sein Anliegen war nicht politisch, wie auch seine Methode nicht politisch war. Jesus und die Welt von heute Unser Grundmuster ist nun einmal nicht der autonome Mensch, der selbst bestimmt, wohin er geht und was er tut. Uns geht um die Einfügung des Menschen in die größere Schöpfungsordnung. Das haben wir aus der Hl. Schrift, aus dem Neuen Testament, wo Jesus von seinen Jüngern die radikale Konzentration auf seine Person fordert. Er lädt sie eben nicht zur Autonomie ein, sondern zur Nachfolge[5]. Das ist unaufgebbar. Spielraum haben wir also nur dort, wo es um die Frage geht, wie wir das praktisch leben sollen. Der protestantische Theologe und Exeget Klaus Berger schrieb 2004: „Zu den bedeutendsten Errungenschaften der Neuzeit gehört die allgemeine Anerkennung der Demokratie als derjenigen Herrschaftsform, in der größtmögliche Gerechtigkeit für alle möglich ist. Für uns ist wichtig, dass Autorität kontrollierbar ist, dass sie bei Gewaltenteilung funktioniert… Jesus aber ist nicht von einem Team umgeben, das nach demokratischen Spielregeln funktioniert. Jesus ist ein autoritärer Entscheider, der sich nur in Hinsicht auf den Vater rechtfertigt. Jesus beruft, wen er will, und es sind keine Berufungen auf Zeit… Von Gewaltenteilung ist keine Rede, d. h. die Vollmachten, von denen das Neue Testament berichtet, werden alle von oben nach unten verliehen, und so ist es in der Kirche auch weiterhin. Selbst bei der sogenannten Ordination darf eben nicht jeder die Hände auflegen, sondern nur solche, denen selber die Hände zur Ordination aufgelegt worden sind[6].“ Im Alten Testament sind die Priester und Leviten von Geburt zum Tempeldienst berufen. Wer zum Stamm Levi gehört, muss diesen Dienst vollziehen, egal ob es seinen persönlichen Wünschen entspricht oder nicht, wer kein Levit ist, darf am Tempel keinen Dienst tun, auch wenn er sich dazu berufen fühlt. Ähnlich ist es mit den Aposteln, die Jesus auswählt; auch hier ist nicht derjenige Apostel, der es selbst möchte, sondern nur wen Jesus ruft[7]. Und auch dies noch: „Für uns gehört zum Menschen die Freiheit, vor allen Dingen die zur Selbstverwirklichung… In der Bibel gibt es aber nur die Freiheit ‚von‘ etwas. Also von etwas, das mich belastet, wie die Angst vor dem Tod, die Folgen der Sünde… Das kann man daran sehen, dass die Möglichkeit des Menschen zu sündigen nicht als eine Auszeichnung gesehen wird, sondern als eine Belastung.“ Geistliche Aspekte der Resignation Meine – noch ganz unausgereifte – Rede von der Resignation als Lösung der Machtfrage kann leicht zu Missverständnissen führen. Deshalb ist es mir wichtig zu umschreiben, wie das gehen könnte: resignieren – im guten, im christlichen Sinn. Vielleicht ist es leichter zu „resignieren“, wenn man den Unterschied kennt zwischen Hingabe und Unterwerfung. Unterwerfung ist ein Tauschgeschäft. Ich gebe dir alles, was du willst, und hoffe, dass du mich dafür lieben wirst. Das ist zum Scheitern verurteilt. Christus gibt sich selbst hin, er gehorcht dem Willen des Vaters, aber er unterwirft sich nicht. Ich denke, auch Sie werden das nicht für Haarspalterei halten. Resignation hat mit vertrauensvoller Hingabe zu tun, nicht mit Unterwerfung unter die Fakten. Vielleicht ist der Verzicht auf Macht ruhiger zu tragen, wenn man verstanden hat, dass das Leben überhaupt ein Weg der Entmächtigung ist. Altern z. B. bedeutet Macht verlieren. Oder Macht aufgeben, aktiv. Vielleicht hilft es, Dankbarkeit zu üben. Dankbarkeit als Verzicht auf Macht. Vielleicht hilft es, die Verzeihung zu sehen als die ruhige Anerkennung der Macht des anderen. Das Beten kann ein Machtverzicht sein. Gott ist wichtiger als unsere Bitten und auch wichtiger als die gewissenhafte Selbst-Beobachtung. Wichtig ist nur das Sein vor Gott. Das ist Beten. L’indifférence Die Frage war: Wie sollen wir Christen leben in der unleugbaren Spannung zwischen Hl. Schrift und modernem Menschenbild? Es gibt in der Geschichte der Frömmigkeit Erscheinungen, die uns Wege in dieser Aufgabe weisen können. Ich denke z. B. an die Lehre von der Indifférence, die den Gläubigen im Frankreich des 17. Jahrhunderts viel bedeutete. Indifférence ist mit „Gleichgültigkeit“ unzureichend übersetzt. Gleichgültigkeit hat für uns einen negativen Klang. „Gleichmut“ scheint mir das bessere Wort. Ich habe kürzlich gehört, bei jungen Männern sei es derzeit angesagt, Lehren der Stoa zu zitieren bzw. „stoisch“ zu sein. Sie verstehen darunter offenbar eine ungerührte Distanz zu allem. Einfach sein Ding machen, egal, was die anderen denken. Indifférence oder Détachement meinen etwas anderes. Vielleicht eher Gelassenheit? Ich langweile Sie kurz mit dieser Vokabel-Klauberei, weil mir daran liegt, dass Sie wenigstens ahnen, was ich mit Resignation meine. Alle diese Begriffe – Indifférence, Gleichgültigkeit, Gelassenheit, Distanz, Détachement, Gelöstheit, Gleichmut – umkreisen die Idee der Resignation und beleuchten sie heller. „Resignation“ hat für viele, vielleicht auch für Sie, etwas von Aufgeben, von Hände-in-den-Schoß-legen, von Untätigkeit. Vielleicht sollten wir eher von „Verzicht“ reden? Verzichten ist etwas anderes als Aufgeben. Man kann auf die Durchsetzung eines Rechtes verzichten, ohne das Recht aufzugeben. Vielleicht ist es die Klugheit, die hier den Unterschied macht. Die Resignation, die ich meine, hält etwas in der Schwebe. Sie hat vielleicht zu tun mit Respekt und Achtung. Was mir vorschwebt, ist in der Tat eine Art Ausstieg aus dem Machtkampf, aber „Aussteiger“ will ich damit nicht sein. Im Gegenteil: Wer resigniert, wie ich es mir denke, der bleibt Teil des Spiels. Schon allein, weil er dabei im Auge behalten muss, wer wirkt, wenn er verzichtet. Überlassen wir den Bösen das Feld? Lassen wir die Dinge einfach laufen? Das sind wichtige Fragen auf dem Weg durchs Leben. Resignieren bedeutet nicht, nichts (mehr) tun. Vielleicht geht es um den Verzicht auf bestimmte Methoden. Es ist doch offenkundig, dass Katholiken nicht jede Methode anwenden können, welche die Geschichte ihnen anbietet. Können wir nicht, müssen wir nicht das Reich Gottes ausbreiten, genauer: Christus dabei helfen, sein Reich auszubreiten, ohne dabei zum Macht-Angebot der Welt zu greifen? Das Reich Gottes verbreiten, ohne das Reich Gottes durchzusetzen: Vielleicht ist es das? Konkret würde das vielleicht bedeuten: Macht tragen, aber nicht erstreben. Macht ausüben, aber nicht an Macht festhalten. Konkret Es geht bei all dem (auch) um einen Verzicht auf sich selbst. Verzicht auf die Ausübung der eigenen Macht. Was bringt dieser Verzicht? Und wie ist er zu bewerkstelligen? Nun, erst einmal dadurch, dass man lernt, jenes Ich, das einem herkömmlicherweise sehr teuer ist, geringzuachten. Darf man das heute noch sagen? Es braucht nun einmal im geistlichen Leben eine gewisse Schonungslosigkeit, eben nicht mit anderen, sondern mit sich selbst. Nicht allzu viel Rücksicht auf sich selbst! Das „Giovanni, nimm dich nicht so wichtig“ Johannes‘ XXIII., das in der Kirche so gerne lächelnd zitiert wird, meint doch im Grunde genau das. Diese leichte, nicht verbissene, nicht verächtliche Geringschätzung für sich selbst gehört zur Auseinandersetzung mit der Macht. Wer nicht allzu sehr auf sich selbst schaut, dem wird der Geist stark und fest. Er wird nämlich freier von sich selbst. Er wird sich nicht ständig von den Launen des Augenblicks jagen lassen, sondern einfach bereit sein. Mit einer gewissen fast bäuerlichen Schlichtheit der Seele. Disponibilität (für Gott) statt egoistischer Launen. Das Richtige, das Beste tun und nicht das Beliebige. Nicht die eigene Vorliebe. Sie sehen, die Resignation hat gar nichts Läppisches. Zumal es, um von sich selbst Abstand zu nehmen, um also in diesem Sinn auf Macht zu verzichten, es erst einmal ein klares Bewusstsein von diesem Ich braucht, ein Selbstbewusstsein. Ohne ein solches starkes Selbstbewusstsein kann man den nötigen Machtkampf mit sich selbst wohl nicht führen. Wir müssen ja gegen unsere eigene egoistische Natur angehen, wenn wir auf uns selbst verzichten wollen. Schlussendlich kann nur Gott dies bewirken. Wir müssen Ihm erlauben, uns uns selbst zu entreißen. Diese Lösung von uns selbst, dieser Verzicht auf die eigene Mächtigkeit, ist deshalb so wichtig, weil wir zunächst alles lieben für uns, im Hinblick auf uns. Je delikater, je verborgener, je „ehrenhafter“ das geschieht, desto gefährlicher ist es. Gleichmut und Großzügigkeit werden ja nicht notwendigerweise um ihrer selbst willen angestrebt, auch nicht um Gottes willen, sondern um sich selbst an so edlen Regungen erfreuen zu können. Oder weil man von seinen Freunden geschätzt werden will. Man hofft auf ihre Bewunderung, wenn man ihnen „selbstlos“ etwas Gutes getan hat. Eine großzügige Geste bedeutet aber noch lange nicht, dass man von sich selbst losgelöst ist. Fénelon, Erzbischof von Cambrai und Erzieher des Enkels Ludwigs XIV., spricht hier vom „orgeuil modeste“, vom „bescheidenen Stolz“. Wer auf diese Weise stolz ist, verachtet alles, will aber doch selbst geachtet werden, von den anderen oder – wenigstens – von Gott. Er will belohnt werden. Er liebt, damit er wieder geliebt wird. Der Stolz bleibt immer Stolz, egal wie geschmackvoll man ihn ausrüstet („l’orgueil, quelque bon goût que vous lui donniez, est toujours orgueil“). Das ist keine Kleinigkeit, denn wer sich selbst hochschätzt, schätzt leicht die anderen gering. Er stellt sich wie Luzifer über die Menschen, will gottgleich über den Leidenschaften und Interessen der anderen Menschen stehen. Dabei weiß man doch eigentlich sehr gut, dass man sich nicht selbst gemacht hat, – also auch nicht für sich selbst gemacht ist. Aus dem – unlösbaren – Rätsel der eigenen Motive ergibt sich die einzig mögliche Schlussfolgerung: Nur die Liebe Gottes kann uns von uns selbst lösen. Gott macht, dass wir ihn lieben – durch die Liebe, die er uns ins Herz gibt (s. „de tuis donis ac datis“). Verzicht in diesem Sinn bedeutet nicht, die Macht mit Verachtung wegzuwerfen. Nein, man muss sie so betrachten, dass man sie benutzen kann je nach dem, wie es Gott uns einräumt. Konkret bedeutet das: nüchtern bleiben, das Herz nicht an die Macht hängen, Mäßigung, alles vorgeblich „Notwendige“, das uns Natur oder Sitten vorgeben, sein lassen (können). Und auch dies: nicht nur auf die schlechten, sondern auch auf die guten Dinge verzichten. Denn „wer nicht auf alles verzichtet, kann nicht mein Jünger sein[8]“. Selbst die unschuldigsten Dinge verlieren ihre Unschuld, sobald man nicht mehr auf sie verzichten kann. Verzicht führt schlussendlich zu einem entspannten, anmutigen Umgang mit der Macht. Wie lernt man den Gleichmut im Umgang mit der Macht? Der erste Machtkampf geht nicht so: Ich! Sondern so: nicht Ich! Der erste Machtkampf geht also gegen uns selbst. Aber mit Gleichmut, nicht verbissen. Es ist ein friedvoller Kampf. Die schwere Sünde, aber auch die kleinen Untreuen lassen den Zustand des Gleichmuts („l‘état d’indifférence“) verlorengehen. Beobachten Sie sich also. Sie spüren eine Regung des Hochmuts oder eitler Selbstgefälligkeit, Sie spüren das Verlangen zu suchen, was Ihrem eigenen Geschmack entspricht oder Ungeduld gegen die Schwächen des anderen oder Ungeduld angesichts der Lästigkeiten, die Ihr Platz im Leben mit sich bringt: Alles das müssen Sie fallenlassen wie einen Stein ins tiefe Wasser. Sich vor Gott sammeln und erst dann handeln. Misstrauen Sie dem Ärger über einen eigenen Fehler. Er verrät oft Eigenliebe. Statt sich über Ihre Fehler (die ja etwas anderes sind als Ihre Sünden) zu ärgern, bedenken Sie lieber, dass die Fehler uns vor uns selbst demütigen und uns in unseren eigenen Augen kleiner machen. Machtloser. Also Angewiesener. Auf wen? Es braucht Glauben, Geduld und beständige Aufmerksamkeit. – Sie können ruhig merken, dass diese Ratschläge dem aristokratischen Milieu des 17. Jahrhunderts entstammen. Beständige Aufmerksamkeit für die eigene Seele fällt leichter, wenn man fünf Bedienerinnen hat. Aber soll ich deswegen nicht von der Arbeit an der eigenen Seele sprechen? Es geht schließlich darum, Gott keinen Widerstand zu leisten. Wenn Sie Gott dauerhaft widerstehen, wird Er sich zurückziehen und Sie sich selbst überlassen. Sie werden nur mehr im Kreis laufen, innerlich abnehmen, ohne sich im Klaren zu sein, woher Ihre geistliche Kraftlosigkeit kommt. Auf die Macht zu verzichten, kann nur bedeuten: Gott die Macht zu geben. Tut dies nicht auch Jesus? Er sagt: „Ich bin nicht gekommen, meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat“ (Joh 6,38). Dieses geistliche Gleichgewicht ist nicht etwas Kaltes, denn es geht dabei immer um die Liebe zum Willen Gottes. Wer den Willen des Vaters liebt, bleibt in der Verfassung, die es ihm erlaubt anzunehmen, was immer kommen mag. Wenn etwas gekommen ist, wie es der Vater will, geben wir die einfache Zustimmung („mir geschehe!“) – und finden neue Ruhe. Indifferenz heißt nicht, dass einem die Gebote Gottes, die Worte Jesu oder die Regeln der Kirche gleichgültig, egal sind. Es geht nicht um Kühle, Coolness, Blasiertheit, Mangel an Sensibilität, Trägheit, Fatalismus, es geht um die dauernde Disponibilität für den Willen Gottes. Gleichklang mit ihm. Es liegt doch auf der Hand, dass es für uns im Umgang mit Gott nicht um einen Zwang, eine Diktatur gehen kann, sondern um Weisheit und Herzensfreiheit. Der Heilige Geist zwingt nicht. Unlust, Traurigkeit, Gezwungenheit sind Anzeichen dafür, dass Ihr Umgang mit dem Heiligen Geist gestört ist. Mit der Ruhe des Hl. Geistes sollten Sie Trauer ebenso leben können wie Trost, Krankheit wie Gesundheit, Verachtung wie Ehre. Das Leben soll nicht dahingehen widerwillig und schwierig, sondern in der ruhigen Gewissheit, in jedem Moment von der Vorsehung das Richtige zu erhalten. Was sollte die Vorsehung des Vaters im Himmel sonst geben, wenn nicht das Richtige? Jeder Zustand, seelisch oder körperlich, wird dadurch erträglich, dass man in ihm das Wirken Gottes erkennt. Wir sollen Menschen werden, die das göttliche Wirken in jeder Gestalt lieben. Wenn die Dinge nur dieser Quelle entströmen! Gottesliebe statt Eigenliebe[9] In einem solchen Zustand legt der Mensch keine Vorräte an, er stellt keine Bilanzen auf, er fällt keine Urteile, er hegt keine Pläne. Die einzige Stütze, die eine solche Seele noch hat, ist Gott selbst. Gott teilt dann zur rechten Zeit mit, was der Mensch lesen soll, wie er beten soll, wann er reden und wann er schweigen soll. Er gibt Fingerzeige, Hinweise aller Art. Ein Mensch, der so lebt, lebt von Augenblick zu Augenblick. Wo andere planen, große Dinge unternehmen, (auch gute, gottgefällige), da lebt ein Mensch, der ganz und gar dem Vater vertraut, vielleicht völlig unauffällig, vielleicht sogar am Rande des Geschehens, der Gesellschaft. Er wird erfüllt von einer tiefen, ruhigen Liebe, die sich vor allem hingibt, sich Gott überlässt. Ein solcher Mensch weiß oft nicht, wozu er da ist oder was aus ihm werden soll. Doch Gott weiß es[10]. Solche Menschen erscheinen oft unnütz, unproduktiv, aber dennoch wirkt alles an ihnen. Gott verleiht ihrem Schweigen, ihrer Verborgenheit, ihrer Ruhe, ihrem Reden, sogar ihren Gebärden eine eigenartige Kraft, die andere beeindruckt, ohne dass sie darum wissen. Ein solch hingegebener Mensch ist durchaus aufmerksam nach außen gewandt, ganz und gar nicht autistisch verschlossen; aber eben nicht fixiert auf etwas Bestimmtes. Solche Menschen gleichen Jesus, von dem eine geheimnisvolle, heilende Kraft ausging. Nur dass sie oft gar nicht wissen um diese Kraft und um ihren Einfluss. Sie planen ihn nicht und setzen ihn nicht bewusst ein. Gott befreit die Seele. Die Manöver und Machenschaften, die der menschlichen Klugheit so richtig und notwendig erscheinen, mögen für Herodes und die Pharisäer gut sein; die Weisen aus dem Morgenland hingegen folgen einfach dem Stern. Gegen die Klugheit der „Politiker“ lässt sich nichts besser ausspielen als die Einfalt. Sie vereitelt wunderbar die ganzen Listigkeiten und Tricks, ohne sie zu kennen. Ich denke mir eine subversive Resignation Wir sollen, Sie wissen es, werden „wie die Kinder[11]“. Das Kind braucht nur in den Armen seiner Mutter zu ruhen. Jesus ist in den schlichten Seelen, edel, sanft, frei, friedlich, furchtlos. Der Heilige Geist wirkt im Inneren, machtvoll; wir müssen gar nicht wissen, wie. [1] Siehe dazu auch „Kulturzeit“ vom 26. Januar 2026 auf 3Sat. [2] Lehnert, Haus, S. 24: Das Ziel in den Blick zu nehmen, es zu identifizieren, war das Handwerk der Reformer und Revolutionäre. Heute ist es, nur ohne soviel Nachdenkens und nervöser, vielfach ein Job von Technikvisionären und Programmdesignern. Das Pathos ist schaler geworden, gedämpft, aber die Tonart ist doch noch immer die gleiche: Intensivierung des Vorfindlichen bis zum nächsten Qualitätssprung – Entgrenzung – Überwindung des Leides und des Todes. So klingt der Dreiklang des Menschen, der sein eigener Herr zu sein unternimmt und findig Optimierung sucht, wo sich das alte Mangelwesen noch breitmacht.“ [3] Wikipedia [4] Apg 4. [5] Berger, Jesus, S. 415. [6] Ib., SS. 415-416. [7] Blog der Äbtissin voin Mariendonk, 22.09.2022 [8] Lk 14,33. [9] Siehe dazu auch: „Das gläserne Meer [Offb] führt dabei in jenen Zustand religiöser Gelassenheit, die ein mystisches Ideal ist: unermüdlich tätig zu sein in der größten inneren Ruhe, sich von allem treiben zu lassen und dabei ‚in sich‘ zu bleiben – ein unpersönliches ‚in sich‘, das eher als ein ‚außer sich‘ erfahren wird –, alles, was geschieht, in sich einzulassen und doch in allem das Eine zu erfahren, die geheime Identität von Empfangen und Verlust.“ (Lehnert, Haus, S. 80) [10] Caussade, Hingabe an Gottes Vorsehung, Einsiedeln, 1952. II. Buch : Der Zustand der Hingabe [11] Mt 18,3. Zum mündlichen Vortrag bestimmt, verzichtet dieser Text auf vollständige und exakte Quellenangaben. Die Fußnoten entsprechen nicht dem wissenschaftlichen Standard. Jede Vervielfältigung und Veröffentlichung bedarf der ausdrücklichen Zustimmung des Autors. Die Predigt zum Download finden Sie hier!IV. Vortrag bei den Ordensexerzitien in Stift Schlägl – 20. bis 22. Februar 2026
damit die Kraft Christi auf mich herabkommt.
Deswegen bejahe ich meine Ohnmacht,
alle Misshandlungen und Nöte,
Verfolgungen und Ängste,
die ich für Christus ertrage,
denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“ (s. 2 Kor 12, 9b-10)
